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SWR1 Begegnungen

Bei Gerd Wagner darf man auch nachts um drei anrufen – und bekommt ein offenes Ohr geschenkt. Oft in sein Beruf ein Rund-um-die-Uhr-Job. Der 45-jährige aus der Nähe von Darmstadt ist mit Leib und Seele katholischer Diakon. Ist Geistlicher, Lehrer, Notfallseelsorger, sogar Rettungssanitäter. Linda Degenstein von der katholischen Kirche wollte wissen, wie er mit seinen vielen Rollen lebt.

Gerd Wagners Büro, mit Blick auf die kleine Kirche von Ober-Ramstadt, ist charmant chaotisch. Während er noch seinen Schreibtisch frei schaufelt, erzählt er mir von einem 16-jährigen Mädchen, dass er seit Monaten in einer schwierigen familiären Situation begleitet. Wie es aussieht, wendet sich alles zum Guten. Wir kennen uns noch gar nicht und er erzählt so mitreißend, dass ich eine Ahnung davon bekomme, was ihm bedeutet, Diakon zu sein.

Diakon heißt für mich zunächst einmal, Diener zu sein. Das heißt wirklich zu schauen, mich ein wenig zurückzunehmen, sofern das geht, ich bin gerne mal einer, der sehr leutselig ist. Aber auch zu schauen, wo ist jemand in der Not und dann alles dieser Not unterzuordnen. Da wirst du jetzt gebraucht und da gehst du jetzt auch hin und versuchst mit deinen Möglichkeiten zu helfen.

Ich muss zugeben, mich überkommt ein klein wenig ein schlechtes Gewissen. Wie gerne macht man um den Menschen, der in der Stadt sitzt und um Hilfe bittet, einen großen Bogen, schaut lieber weg.

Man muss auch mal den Mut haben auf jemanden zuzugehen und zu fragen, wie geht es ihnen, und so zu fragen, dass er es nicht als eine Floskel wahrnimmt, sondern wirklich auch den Mut hat zu antworten und wirklich zu erzählen wie es ihm geht. Das heißt, man muss auch Zeit mitbringen.  Und wenn man jemanden gefunden hat, dem es nicht so gut geht, sich auch die Zeit nehmen, ihn zu begleiten.

Auf Menschen zugehen, nicht abwarten, bis sie zu einem selber kommen. Ein Thema, das Gerd Wagner sehr beschäftigt. Und ein Thema, das die Seelsorge der Kirche betrifft.

Was ich glaube, dass dieses klassische Gemeindebild so nicht mehr funktionieren wird. Also wir werden nicht mehr so eine Parallelstruktur zur Gesellschaft haben, wo wir unsere Krabbelgruppe, Kindergruppe, Jugendgruppe haben. Das verändert sich gerade rapide. Ich glaube, was wir wieder viel mehr machen müssen, ist rausgehen. Wir müssen uns rauswagen an die Ränder, auch dahin, wo wir bisher nicht waren, auch in Bereiche, wo wir auf Wiederstand stoßen.

Nicht zuletzt auch deshalb  hat er sich entschieden, neben seinem Rund-um-die Uhr-Job auch ehrenamtlich als Notfallseelsorger zu arbeiten. Menschen in ihren schwersten Stunden zu begleiten. Und er hat vor zwei Jahren sogar eine Ausbildung zum Rettungssanitäter gemacht, fährt 2-3 Mal im Monat im Rettungswagen mit. Das ist dann Kirche hautnah, sagt er.

Und ich mach dann auch die Erfahrung, dass dann Menschen auch wirklich sagen, sie haben sich gewundert, dass dann mitten in der Nacht, nach vielen vielen Jahren die katholische Kirche plötzlich für sie eine Bedeutung hat, weil da ein Notfallseelsorger da war. Die kommen dann nicht alle nächsten Sonntag zur Kirche, aber man verändert damit im Kleinen ein wenig das Bild von Kirche, und das kann uns in der heutigen Zeit nur gut tun.

Kirche hautnah, Kirche mittendrin. Er möchte für die Menschen sichtbar und ansprechbar sein. Deshalb steht auf seiner Malteser-Einsatzjacke auch groß das Wort „Diakon“. Und er trägt immer, auch im Urlaub, das Kollar, einen weißen Priesterkragen. Sichtbar sein als Amtsträger der Kirche – ob er nicht auch mal zurückgewiesen wird?

Im Gegenteil, was mir eher passiert, ist, dass ich im Krankenhaus unterwegs bin, da jemanden besuche und aufgrund meiner Kleidung angesprochen werde und jemand zu mir kommt und sagt, sie sind doch von der Kirche, mein Mann liegt im Sterben, können sie mal vorbeikommen und wir können beten. Das ist mir schon passiert.

Mit einem eigenen Klingelton, schrill und laut, läutet Gerd Wagners Handy, wenn er zu einem Einsatz gerufen wird. Er weiß, dass etwas Furchtbares passiert ist. Gerd Wagner ist katholischer Diakon, Familienvater, Rettungssanitäter und Notfallseelsorger. Er wird dann gerufen, wenn Menschen brutal mit dem Tod konfrontiert werden.  

Der Blaulichtbereich, wie es Gerd Wagner nennt, zieht sich schon durch sein ganzes Leben. Als Kind war er Rettungsschwimmer bei der DLRG, später hat er seine Sanitätsausbildung beim Roten Kreuz gemacht. Vor zwei Jahren hat er sich sogar zum Rettungssanitäter ausbilden lassen. Als dann freiwillige Notfallseelsorger gesucht wurden, war für ihn sofort klar, das mache ich.

Da hat mich das schon gereizt, weil ich sagte, du kennst die eine Seite, wie das für den Rettungsdienst ist, wenn man am Einsatzort ist und niemand die Angehörigen begleitet und betreut. Das ist eine sehr belastende Situation.

Und dann muss man zu wildfremden Menschen fahren und Eltern sagen, dass ihr Kind bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist. Wie packt man so eine Aufgabe, kann man da überhaupt helfen? Wie kann man auf jemanden in einer solchen Situation zugehen?

Es gilt dann in dieser Anfangsphase, wenn man so eine schockierende Nachricht erhält oder von so einem schockierendem Ereignis überfallen wird, Trittsteine zu finden, auf denen man Halt finden kann, um einen gesunden Trauerprozess einzuleiten. Viele Leute haben die Tendenz, wenn jemand zu Hause gestorben ist, möglichst schnell den Bestatter zu rufen und die Leiche abtransportieren zu lassen. Aber das ist ja nicht nur eine Leiche, das ist der Ehemann, mit dem man 40 Jahre verheiratet war. Und da ist es mal ganz gut zu entschleunigen, eine Kerze anzuzünden und zu sagen wir haben Zeit, eine Form der Verabschiedung zu finden. Und dann die Leute vernetzen und sie zu Fragen, wen sie denn jetzt gerade gerne um sich haben möchten.

Wie im Fall eines 12-jährigen Mädchens, das miterleben musste, wie sein kleiner Bruder von einem Auto überfahren wurde.

Und die gesamte Familie kümmerte sich unheimlich toll um dieses Kind. Da war alles dabei. Von Kuchen, über Kakao, bis du darfst jetzt weinen, lass es raus. Und irgendwann merkte ich, dass es dem Kind einfach zu viel wurde und dann hab ich sie gefragt, wen hättest du jetzt gerne bei dir? Und dann sagte sie: meine Freundin. Und das war abends um halb zwölf. Und dann haben wir das möglich gemacht. Und das ist dann die Aufgabe des Notfallseelsorgers, da sensibel hinzuhören und zu schauen, was tut dem jetzt gut, der am schlimmsten betroffen ist.

Ich muss zugeben, ich kann teilweise kaum ertragen, was mir Gerd Wagner erzählt. Ich bin Mutter, muss an mein eigenes Kind denken. Ich frage mich, wie er dieses Leid ertragen kann, selber nicht daran verzweifelt?

Es hat mich auch mal jemand gefragt, in der Notfallseelsorge, eine Frau, deren Mann sich erschossen hat und die dann sehr viel geweint hat, und irgendwann sagte sie dann plötzlich zwischendrin, ach Gott, jetzt werfe ich ihnen das alles an den Kopf, was machen sie denn damit? Und ich hab gesagt, ich werfe es dem lieben Gott vor die Füße. 

Im Gebet hat er seine Form gefunden, das Erlebte loslassen zu können. Und er zieht, was mich sehr beeindruckt, aus diesen tiefen Schicksalsschlägen, die er begleitet, Positives für sein Leben.

Es gibt ja manchmal so Geschichten im Leben einer Familie, das bleibt ja nicht aus, dass es mal zu Streitereien kommt. Und wenn man dann so einen Notfallseelsorgereinsatz hat und fährt zurück, dann ist das wie vergessen. Weil man noch mal gemerkt hat, wie verletzlich das Leben eigentlich ist und wie kostbar es ist.

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