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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Einen lieben Menschen loslassen. Ihn verlieren. Kennen Sie das? Einen Menschen für immer verabschieden, das ist wie ein Weltuntergang. Wenn man einen geliebten Menschen gehen lassen muss, dann ist das alte Leben ruiniert. Der leere Raum im Herzen verdreht die ganze Welt. Keine gemeinsamen Spaziergänge mehr, das „Guten Morgen“ fehlt, der Kuss in der Frühe. All das kommt nie wieder.
„Das Leben geht irgendwie weiter“, sagt mein Freund und ich denke. So ein blöder Satz“ Klingt schlau, ist aber konkreter Blödsinn.
Das Leben geht eben nicht weiter. Es muss wohl ein neues, ein anderes Leben entstehen. Mit mir. Durch den Tod der Liebsten hindurch? Vielleicht braucht es auch eine Trotzigkeit gegen den Tod. Es braucht das Aufstehen, das Auflehnen. Das ist nicht leicht. Und das geht nicht schnell. Es braucht Zeit und ich glaube, das braucht auch Gnade. Nicht nur die, die aus dem Himmel kommt. Ich meine hier die Gnade, die ich erleben darf. Die Gnade, dass ich weiter leben darf. Und auch weiter leben muss!
Was ich damit meine, mit der Gnade? Dass ich gnädig sein darf mit mir. Nach diesem Weltuntergang, wenn der geliebte Mensch nicht mehr da ist. Ich muss jetzt nicht funktionieren. Darf meinen Schmerz auch nach außen zeigen, muss niemandem genügen und nicht strahlen.
Darf mir vielleicht ganz viel von lieben Menschen um mich herum schenken lassen: Zeit, Geduld. Darf auch um ganz konkrete Hilfe bitten. Darf mich überdies auch Gottes unsichtbarer Hand, seiner Gnade ausliefern: Soll doch Gott mich jetzt tragen durch die schwere Zeit!
Das Leben braucht jetzt Mut, Zeit und Gnade. Es braucht da wohl diese (ich nenn das mal) „doppelte Gnade“: Dass Gott mir gnädig ist, mich so annimmt, wie ich gerade bin. Und dass ich mir selber gnädig bin.
Ja, ich will jetzt in dieser Situation mit mir gnädig sein. Das ist nicht leicht. Darf jetzt mal Angewiesener sein, angewiesen auf Andere.
In der Bibel lese ich, die Hilfe und Gnade wird uns zufließen. Denn Gottes liebende Augen schauen auf uns, seine Gnade behütet uns schon längst und erwärmt uns durch Menschen, die gnädig um uns sind.

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