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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Kopf hoch!“ – Das bekommen die Menschen manchmal zu hören, wenn sie grad am Boden sind. „Kopf hoch! Morgen sieht die Welt ganz anders aus.“
Und irgendwie stimmt das ja auch: Wenn ich meine äußere Haltung ändere, ändert sich auch ein bisschen was an meiner Gefühlslage. Wenn ich also den Kopf anhebe, fühlt sich das anders an, als wenn ich ihn hängen lasse.
Solche Aufmunterungen sind meistens gut gemeint. Doch manchmal bewirken sie das Gegenteil:
Da liegt zum Beispiel eine junge Frau im Krankenhaus und weint, weil sie eine Fehlgeburt hatte.
Ihre Bettnachbarin, eine ältere Frau, sagt:
“Ach, Kindchen, das passiert jeder Frau einmal. Kopf hoch, Sie sind doch noch so jung! Eh Sie sich versehen, sind Sie wieder schwanger.“
Sie sagt das ganz lieb und freundlich. Aber die junge Frau dreht den Kopf weg und weint noch mehr.
Warum?
Weil sie sich nicht verstanden fühlt.
Wenn jemand traurig ist, und verletzt, dann hilft es nicht, wenn man versucht, die Ursache kleinzureden. – So wie das manchmal bei kleinen Kindern gemacht wird, wenn sie sich das Knie aufgeschürft haben und man sagt: „Ist doch gar nicht so schlimm! Ist doch gar kein Grund zu weinen.“
Das ist nicht tröstlich, auch für kleine Kinder nicht.
Trösten heißt ernstnehmen. Die Tränen eines anderen ernst nehmen. Und seine Gefühle auch. Trösten heißt im Fall der jungen Frau: sie so sein lassen, wie sie gerade ist. Sie hat ein Kind verloren. Und mag es noch so winzig gewesen sein - die Hoffnung und die Freude waren vielleicht schon riesengroß. Und miteinem-mal ist dieses Glück weg. Das muss erst mal verschmerzt werden. Sie hat guten Grund, den Kopf hängen zu lassen, so lange sie sich danach fühlt.
Also: Nie wieder sagen: „Kopf hoch!“?
In dramatischen Situationen ist es sicher ungeeignet.
Aber als ich mal zerknirscht war, weil ich einen Fehler gemacht habe, da hat es mir schon gut getan, als mir einer gesagt hat: „Kopf hoch! Morgen sieht die Welt ganz anders aus.“

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