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SWR2 Wort zum Tag

Fremdwörter im Krankenhaus – das ist so eine Sache.
Ein Mediziner erzählte unlängst in einem Vortrag von einer solchen Erfahrung:
Im Krankenzimmer eröffnet ein Arzt seinem Patienten: „Ihre Krankheit ist nun in einem Stadium, da schlagen wir eine palliative Therapie vor.“
Der Patient – ganz offensichtlich ein Lateinkenner – , ahnt Schlimmes und erwidert darauf: „Wie bitte, Herr Doktor? Sind Sie mit ihrer Kunst am Ende? So viel Latein verstehe ich noch. „Palus“, der Pfahl, der Stamm. Soll ich nun den Gnadenstoß bekommen? Final?“ Der Arzt erklärt: „Nein – „palliativ behandeln“, kommt von lateinisch „pallium“, der Mantel. Wir wollen etwas für ihr Wohlbefinden tun. Schmerzen lindern. Sie begleiten. Sie beschützen. So weit das in unseren ärztlichen Möglichkeiten steht. Heilen können wir sie allerdings nicht.“ Ob dem Patienten diese Erklärung geholfen hat? Wo er doch einerseits erfahren hat – es gibt keine Heilung – und andererseits: Es ist eine Behandlung in Aussicht, die ihm hilft und dient.
Ich selber möchte von Ärzten die Grenzen ihrer medizinischen Möglichkeiten erfahren (was geht und was geht nicht.) Die Palliativmedizin scheint mir eine ehrliche Medizin zu sein. (Für mich ist sie kein Scheitern ärztlicher Bemühungen). Sie steht im Grunde auch nicht erst am Ende – nicht nur für alles das, was kommt, wenn es heißt „austherapiert“. Im Gegenteil: Was mit Zuwendung, mit medizinischer Hilfe begonnen hat, das geht weiter. Ein Pallium – einen schützenden Mantel haben Mediziner immer wieder für uns bereit. „Schutzmantelmedizin“ nenne ich die „Palliativmedizin“ darum gern. Genau genommen erfahren wir sie immer wieder, von Kindesbeinen an.
Und auch Gottes Zuwendung zu Menschen hat etwas Palliatives.
Das beginnt schon bei Adam und Eva. Die müssen zwar den Garten Eden verlassen, wo sie alles hatten, was sie brauchten – ohne Mühe, ohne Schweiß und Tränen. Aus  d i e s e m  Paradies müssen sie raus in die Härte und Kälte dieser Welt.
Nicht dass ihnen Gott diese Widrigkeiten aus dem Weg räumt. Das nicht. Aber wie Gott Adam und Eva aus Fellen Kleider macht, sie quasi mit einem Schutzmantel umhüllt, das wirkt auf mich wie Palliativmedizin.
Mir geht an der Palliativmedizin auf: Es geht im Leben im Grunde nicht um ein Besiegen von Krankheit oder Sterblichkeit – sondern immer wieder um Begleitung, um Zuwendung, um ein Bedecken von Wunden, um ein Bestärken in Nöten. Darin sind wir alle einander so etwas wie Palliativmediziner. Und Gott ist es schon längst.

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