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SWR2 Wort zum Tag

Wenn im November die Schatten länger werden, dann spüre ich, wie auch die Schatten meiner Erinnerungen länger werden. Ich blicke dann häufiger zurück.
Auch auf Dinge, mit denen ich mich schwer getan habe im vergangenen Jahr - die mich bis heute nicht loslassen. Versäumte Begegnungen, die mir auf der Seele liegen. Briefe, die ich beiseite gelegt habe - wo ich mich mit einer Antwort schwer tue. Oder Dinge, die noch weiter zurück liegen und mich belasten.
In der Bibel wird erzählt, wie einer in einer einzigen Nacht die Schatten seiner Vergangenheit hinter sich lassen konnte. Allerdings nicht ohne Mühe, nicht ohne Kampf und auch nicht ohne Verletzungen. Von Jakob, wird erzählt, wie er sich vor der Rache seines Zwillingsbruders fürchtet. Aus gutem Grund. Betrogen hat er ihn. Jahrzehnte zuvor. Morgen nun soll er ihm begegnen. Alle seine Angehörigen hat er weggeschickt. Es ist Nacht - er ist ganz allein und er findet keine Ruhe. Alles in ihm rumort und rebelliert.
Dann, so heißt es in der Bibel, kämpft er in der Finsternis mit einem Mann und mit Gott. Mir kommt das vor wie ein innerer Kampf: mit seinem Bruder, mit seinem eigenen Leben – mit seinen belastenden Erinnerungen – und mit Gott, der ihn bis hierher geleitet hat. Jakob kommt nicht unversehrt aus dieser Nacht: Der Kampf hinterlässt Spuren. Er verrenkt sich die Hüfte. Er hinkt. Doch: Jakob empfängt Gottes Segen - seine Zusage: „Ich gehe weiter mit dir.“
Mich ermutigt diese dunkle Nacht des Jakob:
Überwinde dich! Schieb deine belastende Erinnerungen nicht einfach beiseite!
Leg sie nicht länger weg. Mach dich dran – auch unter Mühen.
Briefe schreiben, das Gespräch suchen, hingehen, wo etwas offen geblieben ist.
Im Sinn habe ich dabei auch den Schluss der Geschichte. Es heißt in der Bibel: „Für Jakob ging die Sonne auf...“. Und so hinkt der Gesegnete auf seinen Bruder zu –
der ihm verzeiht, der ihn umarmt, der ihn küsst und in Tränen ausbricht.
Ja, „Jakob ging die Sonne auf...“ Wie zum Zeichen – für ihn persönlich!
Nach durchwachter Nacht oder schweren Träumen, nach der Angst vor dem neuen Morgen, den ersten Strahl der Sonne vernehmen. Da sage ich nur, nehmen Sie´s persönlich: „Dir geht die Sonne auf!“, wie einst Jakob. Ein Sonnenstrahl im November, das ist ein Gnadenglanz Gottes. Eine Ermutigung auch: Mach dich auf, geh auch schwierige Wege. Gott geht mit dir.

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