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SWR4 Sonntagsgedanken

Ich komme gerade mit einer Reisegruppe aus Israel und bin noch voller Eindrücke. Ein wunderbares und gastfreundliches Land. Reich an Sonne und Natur. Kilometerlange Strände, Bergland, Wüste und fruchtbare Ebenen.
In diesem Land hat Jesus gelebt. Auf Schritt und Tritt werden hier die biblischen Geschichten lebendig, anschaulich. Wir haben sie da gehört, wo sie damals passiert sind.
Wir haben auf dem Berg gestanden, auf dem Jesus seine Bergpredigt gehalten hat und wo seine Jünger das Vaterunser gelernt haben. Dort haben wir gebetet: „Vergib uns unsere Schuld. Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“.
Und dann sind wir nach Yad Vashem gekommen. Das ist die Gedenkstätte in Jerusalem für die sechs Millionen Juden, die im dritten Reich umgebracht wurden.
Bisher hatten wir uns auf Englisch verständigt und die Menschen um uns herum Hebräisch sprechen hören oder Arabisch. Und da in der Gedenkstätte hören wir auf einmal unsere Muttersprache. Aus den Lautsprechern: Deutsch. Die Propagandastimme der alten Wochenschau.
Wir lesen die deutschen Schilder: „Juden sind hier unerwünscht“. Wir sehen, wie in der Nacht zum 10. November 1938 die Synagogen gebrannt haben, die jüdischen Gotteshäuser.
Nicht nur in den großen Städten. Auch in den kleinen Dörfern auf dem Lande. Gründlich geplant, ordentlich vorbereitet. Alle haben es gesehen. So gut wie keiner hat protestiert. Das war heute vor fünfundsiebzig Jahren in Deutschland.
Auf einmal in der Gedenkstätte in Israel ist es ganz nah: Millionenfaches Unrecht, Bilder von den Konzentrationslagern und Gaskammern. Berge von Leichen.
Um mich herum haben sich jüdische Kinder gedrängelt. Schulklassen beim Geschichtsunterricht. Wie ich mich da geschämt habe! „Hoffentlich merkt keiner, dass ich Deutscher bin“, habe ich gedacht.
Mit dem Kopf war mir klar: Ich kann nichts für das unsägliche Leid und Unrecht. Ich bin viel später geboren. Und doch hat es mich bedrückt: Wie konnten meine Vorfahren nur so brutal und grausam sein?
Da ist mir meine erste Begegnung mit einem alten Juden eingefallen. Das war ein paar Jahre früher in einem Hotel bei Tel Aviv. Wir waren gerade angekommen. Zum ersten Mal in Israel. Ich stand in der Vorhalle und habe auf den Zimmerschlüssel gewartet.
Da kam ein orthodoxer Jude auf mich zu. Langer schwarzer Mantel. Schwarzer Hut. Grauer Bart. Etwas gebückt. Er war bestimmt über Siebzig und hatte die Hitlerzeit erlebt.
Er hat mich angesprochen auf Englisch und gefragt, woher ich komme. Ich war unsicher und wusste nicht, was ich sagen sollte: Was, wenn er erfährt, dass ich Deutscher bin? Schließlich habe ich auf Englisch geantwortet: „Ich komme aus Deutschland.“
Da nimmt er meine Hand und sagt auf Deutsch: „Willkommen in Israel. Schön, dass Sie da sind.“

Als mir der alte Jude im Hotel in Israel die Hand gedrückt und mich so unerwartet freundlich willkommen geheißen hat, hätte ich vor Freude heulen können.
In diesem Moment habe ich gespürt: Hier darf ich sein – auch mit meiner deutschen Geschichte. Auch mit all dem Leid und Unrecht, das meine Vorfahren den Juden angetan haben.
„So ist Versöhnung“, habe ich mir gedacht. Was gewesen ist, trennt uns voneinander. Aber Versöhnung kann stärker sein, kann ein neues Miteinander schaffen, dort wo wir uns die Hand reichen. Ich glaube: Genau das will Gott uns möglich machen.
Und es ist ja auch der Gott der Juden, von dem es in der Bibel heißt:
„Freuen dürfen sich alle, denen ihr Unrecht vergeben ist und deren Verfehlungen zugedeckt sind! Freuen dürfen sich alle, denen der Herr die Schuld nicht anrechnet und deren Gewissen nicht mehr belastet ist!“ (Psalm 32,1-2)
Menschen können darauf vertrauen, dass Gott ihnen ihre Schuld nicht anrechnet. Was gewesen ist, muss mich nicht ein Leben lang quälen. Es muss mich auch nicht trennen von dem anderen.
Und wenn Gott vergibt – sollte ich dann nicht auch vergeben, wenn andere schwere Fehler gemacht haben? Ich glaube: Der alte Jude, damals in Tel Aviv, der hat so gedacht. Deshalb konnte er mir die Hand geben.
Ein Neuanfang ist möglich vor Gott und mit Menschen. Für mich ist das eine der bedeutsamsten Aussagen der Bibel. Und die haben Christen mit den Juden gemeinsam.
Wir Christen glauben, dass Jesus genau das gezeigt hat. Gott fängt neu an mit den Menschen. Das kann uns befähigen, auch miteinander einen neuen Anfang zu wagen.
So fällt es mir leichter, mich meiner Vergangenheit zu stellen. Es auszuhalten, was da alles nicht in Ordnung war und ist und was ich auch gar nicht mehr in Ordnung bringen kann – in der Geschichte meines Volkes oder auch in meiner persönlichen Lebensgeschichte.
Ein neuer Anfang ist möglich. Das gibt mir auch die Kraft, mich zu erinnern und mich erinnern zu lassen – etwa an all die schrecklichen Dinge, die da vor fünfundsiebzig Jahren in der Reichspogromnacht geschehen sind.
Nicht um in der Vergangenheit zu bohren und die alten Geschichten immer wieder aufs Tapet zu bringen. Nicht um immer von neuem in alten Wunden zu kratzen, dass sie wieder zu bluten anfangen.
Aber ich will mich daran erinnern lassen, um aus dem, was geschehen ist, zu lernen und Verantwortung für heute zu übernehmen. Deshalb ist es gut, dass es bis heute Gedenkstätten gibt und Gedenkveranstaltungen an diesem 10. November.
Dass sich das Unrecht nicht wiederholt. Dass ich aufmerksam bin, wo Menschen heute Unrecht getan wird, oder wo ich andere ungerecht behandele.
Und die Gedenkveranstaltungen heute erinnern mich:
Was vor fünfundsiebzig Jahren in unserem Land geschehen ist, ist zwar immer noch schrecklich. Aber es muss uns nicht trennen. Gott sei Dank.

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