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SWR2 Wort zum Tag

Neulich auf dem Schulhof. Ein Achtjähriger diskutiert mit seinem muslimischen Mitschüler über Religion. Wir haben nicht denselben Gott, sagt er. Die Klassenlehrerin ist verunsichert. Sind solche Gespräche unter Kinder o.k.? Soll sie den Eltern Bescheid geben?
Ich finde: Es besteht kein Grund zur Besorgnis. Im Gegenteil. Auch wenn ich persönlich mit dem theologischen Urteil des Jungen nicht übereinstimme: Dass Grundschüler auf dem Schulhof solche Fragen diskutieren, finde ich völlig in Ordnung. Mehr noch: Ich finde es sogar wichtig. Denn solange wir ein einer Gesellschaft leben, in der religiöse Überzeugungen für viele Menschen eine Rolle spielen, müssen wir auch in der Lage sein, miteinander darüber zu reden. Und je früher Kinder das üben, desto besser.
Immerhin haben die Jungs ihre Meinungen ausgetauscht, ohne sich darüber in die Haare zu kriegen - und hatten dabei die Gelegenheit, die Sicht des anderen kennenzulernen. Uns Erwachsenen fällt es oft schwer, andere auf ihre religiösen Überzeugungen anzusprechen. Religion gilt als heikles Thema, man will ja niemanden verletzen. Kinder sind da manchmal unbefangener. Und ich denke, es ist eine echte Chance, wenn sie nicht nur schulterzuckend zur Kenntnis nehmen - oder es insgeheim blöd finden - dass die einen kein Schweinefleisch essen und die anderen ein Kreuz um den Hals tragen, sondern wenn sie nachfragen. Und ihren Freunden die Gelegenheit geben, zu erklären - so gut sie können. Auch wenn die Verständigung vielleicht noch stockend ist - es ist der Anfang zum interreligiösen Dialog. Wenn sie älter sind, können sie vielleicht daran anknüpfen.
Deshalb glaube ich: Es ist wichtig, Kinder und Jugendliche zu ermutigen, mit Interesse auf Menschen anderer Religionen zuzugehen. Und unterschiedliche Ansichten friedlich und respektvoll, aber auch ohne Scheu zu diskutieren. Dazu müssen sie aber auch fähig sein, die eigenen Überzeugungen und Traditionen, die in der Familie oder zumindest in der Gesellschaft eine Rolle spielen, für andere verständlich zu erklären. „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt" (1. Petrus 3,15), werden in der Bibel die ersten Christen in Kleinasien ermutigt. Damit schon Kinder das lernen, gibt es bei uns heute den Religionsunterricht. Aber wenn Religion auch beim Abendessen zu Hause oder beim Ausflug am Wochenende kein Tabuthema ist, dann hilft das, die nächste theologische Diskussion auf dem Schulhof kompetent zu führen.

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