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SWR4 Sonntagsgedanken

„Und, wie heißt das Zauberwort?" So habe ich meine Kinder gefragt, wenn die freundliche Verkäuferin beim Metzger ein kleines Würstel über den Tresen reichte. „DANKE", haben sie dann mehr oder weniger freiwillig gesagt. DANKE sagen lernen müssen nicht nur Kinder. Auch Erwachsenen liegt das DANKE nicht immer auf der Zunge.
Gewiss, im höflichen Miteinander wissen wir, wann wir uns zu bedanken haben. Wenn mir jemand einen Gefallen tut zum Beispiel oder mir etwas schenkt. Aber durchdringt dieses DANKE auch mein Leben? Oder hängt es ab von ständigen Aufmerksamkeiten, sickert aber nicht hinab bis in die Tiefen meiner Seele? Leider sind wir Menschen vergesslich und neigen dazu, auf das zu sehen, was uns fehlt und weniger auf das, was wir geschenkt bekommen habe.
Die Gier nach dem Mehr-Haben-Wollen ist unersättlich und lässt das DANKE all zu rasch verkümmern zu einer oberflächlichen Höflichkeit.
Deshalb ist es heilsam, hin und wieder erinnert zu werden, DANKE zu sagen. DANKE auch für das so scheinbar Selbstverständliche im Leben. Für sauberes Trinkwasser, für einen satten Magen jeden Tag, für schöne Künste und Menschen, die mich lieben.
Heute feiern die Christen das ErnteDANKfest. Bunt geschmückt mit den Früchten des Gartens und Erträgen der Felder sprechen die Gottesdienste alle Sinne an und erinnern daran: Mensch, sag DANKE! Denn wenn du dankst, wird's dir leichter ums Herz. Das Sorgen und der Kummer, die jeder kennt, verschwinden zwar nicht automatisch. Aber sie bekommen ein Gegengewicht auf der Waage des Lebens. DANKEN ist Übungssache, Training sozusagen. Und so wundert es nicht, dass die Bibel immer wieder zum Training auffordert:  DANKT einander!
Und: DANKT dem HERRN. An den Schwellen des Lebens entspringt dieser DANK an Gott wie von selbst. Wenn ein Kind geboren wird. Oder eine schwierige Operation überstanden ist. Oder eine wichtige Prüfung gemeistert. Dann wissen Menschen intuitiv: ich allein habe das nicht geschafft. Gott hat seine Hand mit im Spiel gehabt.
Gott DANKE sagen für die scheinbaren Selbstverständlichkeiten des Alltags als eine tägliche Übung ist schon viel schwieriger.
So habe ich festgestellt, wie es mir hilft, ein Danktagebuch zu führen. Jeden Tag versuche ich aufzuschreiben, wofür ich Gott  und Menschen DANKE sagen kann.
Da kommt erstaunlich was zusammen im Laufe von Wochen. Und an den Tagen, an denen mir alles misslingt und mir vielleicht sogar Schlimmes widerfährt, und mir das DANKE im Hals stecken bleibt, kann ich mich erinnern: Da war auch noch was andres als Wut, Trauer und Schmerz.
DANKEN sagen können dann, wenn ich wie in einem dunklen Schacht sitze, ist wie ein Überlebensseil, das mir jemand herunterlässt. Deshalb ist es gut, wenn ich das Danken in den unbeschwerten, guten Zeiten immer wieder übe.

Heute feiern die Christen das ErnteDANKfest. Im Vordergrund steht der DANK für die Ernte. Trotz langer Kälte, Dauerregen und Trockenheit sind Zwetschgen, Kartoffeln und Weizen gewachsen. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen, dass wir im Winter nicht satt werden und die Vorräte nicht reichen.
Ich habe nie hungern müssen. Aber die Generation meiner Eltern und Großeltern weiß noch sehr wohl, wie sich Hunger anfühlt. Vor allem in der Not der Kriegs- und Nachkriegszeit war der Hunger täglicher Begleiter. Weil Hunger einen Menschen richtig mürbe macht und zu Taten treibt, die ihm in satten Friedenszeiten nie einfallen würden, sind gerade ältere Menschen dankbar für jeden Tag Frieden.
Sattwerden und Frieden gehören zusammen. Das ist mir ganz neu bewusst geworden, als ich im Sommer zum Frühstücksbuffet in meinem Hotel im Nordosten Polens ging. Ich war ganz überrascht, auf deutsche Soldaten in Uniform zu treffen. 12 junge Männer und Frauen waren es, auf der Durchreise, wie sie mir auf meine Nachfrage erzählten. Sie waren auf dem Weg nach Lettland, um dort in einem Einsatz gemeinsam mit Soldaten vor Ort Kriegsgräber zu pflegen.
Mit meinem Mann war ich das erste Mal nach Masuren gefahren, dem ehemaligen Ostpreußen, woher seine Eltern stammen. Wir wollten dieses Land kennenlernen, das in der Geschichte seiner Familie immer wieder eine wichtige Rolle spielte. Die dramatische Flucht ist zwar lange her, aber sie hat sich abgespeichert im Gedächtnis. Und jetzt, im Alter, ist vieles wieder präsent, was lange verdrängt wurde.
Heute ist die spannungsvolle und oftmals tragische Geschichte der Deutschen und der Polen einer erfreulichen Normalität gewichen. Ich habe keine Vorbehalte oder feindselige Blicke gespürt, als wir gemeinsam mit Polen die Wolfsschanze besichtigten, wo das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 misslungen war.
Und an diesem sonnigen Sommermorgen saßen deutsche Soldaten beim Frühstück und ließen es sich schmecken, scherzten mit den polnischen Angestellten und freuten sich auf ihre Weiterreise ins Balitikum in Sachen Friedensmission.
Für mich war das ein besonderer Moment unserer Reise. Ich fühlte eine tiefe Dankbarkeit darüber, dass nach dem entsetzlichsten Krieg der Menschheitsgeschichte wieder Frieden möglich geworden ist. Kein Pole muss mehr Angst haben vor deutschen Soldaten in Uniform. Und Deutsche können nach Polen oder Russland reisen, dahin, wo sie einst wohnten, und treffen auf freundliche, ja herzliche Menschen.
Am ErnteDANKfest auch für den Frieden in Europa danken. Das ist mir heute besonders wichtig. Dafür möchte ich Gott danken. Und den Menschen, die sich für Frieden einsetzen.

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