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SWR2 Wort zum Tag

unser vater
der du bist die mutter  
die du bist der sohn
der kommt
um anzuzetteln
den himmel auf erden
Ganz schön verwirrend, diese erste Strophe aus dem Vaterunser. Sie stammt von dem  Schweizer Pfarrer und Schriftsteller Kurt Marti. Warum ist das so verwirrend, was Kurt Marti mit dem schönen alten Vaterunser macht?
Er überträgt die alten Worte in unsere Zeit und in unsere Denkweise. Die vertraute Fassung des Vaterunsers Vater unser im Himmel und Kurt Martis Worte wollen keine Gegensätze sein. Sie schließen sich nicht aus. Sie bewahren das Alte und durchbrechen es zugleich, indem sie es in unser Leben  übersetzen.
unser vater / der du bist die mutter 
Marti will, dass ich neu darüber nachdenke, was ich meine, wenn ich „Gott" sage, denn unser Denken hat sich verändert, so dass Gott mindestens ebenso Mutter wie Vater ist. Unsere Beziehung zu Gott neu denken heißt, ihn vom Himmel auf die Erde holen, meint, kritisch mit überlieferten Vorstellungen umgehen, die durch Zeit und Geschichte bedingt sind. Wer Gott in unendlicher Ferne und Höhe über der Welt thronen sieht, will keine Veränderungen. Aber ein Gott, der kommt / um anzuzetteln / den himmel auf erden wird Ausgangspunkt weltlichen Handelns.  
Ich möchte kein Paradies ausmalen, aber: dass reich und arm einander nicht so ferne bleiben wie heute; dass zum Beispiel die Satten nicht die in Syrien und im Gazastreifen vergessen, wo Brot und Wasser knapp werden; dass Kriegsgeschrei den Frieden nicht übertöne, dies nicht nur zu wollen, sondern dafür zu handeln: das heißt  in unserer Welt an Gott glauben.
Wenn ich frage: wo ist Gott? Dann lautet die Antwort für mich: Gott begegnet mir in meinem Leben in ganz alltäglichen Beziehungen, dort, wo mir und anderen etwas vom himmel auf erden gewährt wird.
Jesus hat so von Gott erzählt, von seiner Liebe, seiner Zuwendung. Durch ihn habe ich Gott anders sehen gelernt. Als den, der sich mit Menschen solidarisiert, als den, der mit Hungernden, Kranken und Geknechteten leidet. Er hat gezeigt, dass Gottes Reich bei den Menschen auf der Erde ist und dass Gott menschlich begegnet, niemals anders.

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