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SWR4 Abendgedanken

Heute begehen Katholiken den Gedenktag „Maria Namen". Und wer christlich aufgewachsen ist denkt dabei an die Mutter Jesu, die eben Maria oder in der hebräischen Form „Miriam" heißt. Was mich an diesem Namen zum Nachdenken bringt, ist seine gegensätzliche Bedeutung: Maria oder Miriam heißt nämlich „die Schöne", aber auch „die Bittere".

Dass die Mutter Jesu schön sein soll, das hat die Kunst ja in vielerlei Varianten und je nach Zeitgeist und Geschmack durchgespielt. Und Schönheit ist ja bekanntlich Geschmackssache. Aber der Versuch, Marias äußere Schönheit dazustellen, soll ja auf die Schönheit ihrer Seele verweisen. Ich frage mich nur, was ich mir unter einer schönen Seele vorstellen muss. Früher wäre das sicher eine Frau gewesen, die sich der Männerwelt unterordnet und gehorcht. Aber es ist klar, dass das heute nicht mehr als Quelle von Schönheit gelten kann. Wenn ich mir überlege, welche Menschen in meinem Umfeld ich schön finde, dann sind das oft keine Katalogschönheiten, sondern Menschen, die es schaffen, ihre Persönlichkeit auszudrücken, ihre Begabungen zu entfalten und ihr Leben, so gut es eben geht,  zufrieden zu leben. Das heißt ja logischerweise, dass schön nicht gleich jung ist. Im Gegenteil, bei jungen Menschen ist das Schöne für mich oft eher das, was man über ihre Persönlichkeit schon ahnen kann, was sich aber noch nicht voll entwickelt hat. Wenn ich dann solche Entwicklungen mitbekomme oder auch mit älteren Leuten spreche, dann kommt meistens auch die zweite Bedeutung von „Miriam" ins Spiel. Es geht eben nur in den seltensten Fällen, dass ich mich zu einer Persönlichkeit entfalten kann, ohne dass ich auch das Bittere im Leben schmecke. Das zeigt sich auch am Leben der Mutter Jesu, die unter ungeklärten Familienverhältnissen schwanger wird und die Hinrichtung ihres Sohnes miterleben muss. Was im Lauf eines Lebens bitter sein kann und gleichzeitig schön macht, ist für mich die Fähigkeit, dass ich meiner eigenen Persönlichkeit treu bleibe und dass ich das Bittere als Teil meines Lebens akzeptieren kann. Die Quelle dafür finde ich vielleicht am ehesten im Vertrauen in den, der mein Leben in seiner Hand hält. Es kann auch Bitternisse geben an denen Gott weder im Ersten noch im Letzten beteiligt ist, aber ich hoffe, dass er das Bittere am Ende hoffentlich schön macht.

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