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SWR4 Abendgedanken

Es trifft hart und unvermittelt. Und trotzdem will ich es nicht verschweigen: In der Schule habe ich es einige Male erlebt, dass Schüler mir gegenüber angedeutet haben, dass sie sich das Leben nehmen wollen. Auf so eine Ankündigung bin ich nie vorbereitet. Auch wenn ich es schon einige Male erlebt habe, trifft es mich doch jedes Mal wie aus heiterem Himmel. Und in mir spielt sich dann immer ein ähnlicher Film ab: Wie schlimm es diesem Menschen gehen muss, dass er so weit gekommen ist. Dass es sicher noch Möglichkeiten geben muss, wie ihm geholfen werden kann und was ich tun kann, um den Suizid zu verhindern. Und damit fühlt es sich dann plötzlich an, als ob die Verantwortung für diesen Menschen ganz bei mir liegt.

Eins vorneweg: Den Gedanken, dass Menschen, die sich das Leben nehmen, von Gott verdammt sein sollen, kenne ich zwar. Aber diese Vorstellung kann ich nicht im Geringsten teilen: Wie sollte Gott sich nicht der Menschen erbarmen, die in die tiefste Verzweiflung fallen? Das würde nicht zu meinem Gottesbild von einem Gott passen, der mit seiner Hand noch die auffängt, die am tiefsten fallen. Und keiner, der in der Haut von jemandem steckt, der nicht mehr leben kann, sollte darüber ein Urteil fällen.

Wenn mir jemand seine Pläne offenbart, sich zu töten, ist es ja zum Glück noch nicht so weit. Aber wenn dann dieses Verantwortungsgefühl aufkommt, fühlt sich das extrem belastend an. Denn wenn sich jemand ernsthaft das Leben nehmen will, kann ich das nicht verhindern, selbst wenn ich es noch so will. Das sage ich den anderen dann auch immer so: „Die Verantwortung für Dein Leben liegt bei Dir. Ich fände es furchtbar traurig, wenn Du Dir das Leben nehmen würdest, aber wenn Du nicht anders kannst, kann ich es nicht verhindern. Ich kann Dir nur helfen, wenn Du es nicht tust." Das klingt vielleicht hart, aber immer wenn ich das gesagt habe, hat es bisher den Leuten geholfen. Vielleicht weil ich sie damit als selbstständige Person behandle. Und wenn diese Last der Verantwortung weg ist, die ich sowieso nicht tragen kann, dann kann ich eher das Vertrauen würdigen, das mir dieser Mensch gerade entgegenbringt und wir können offener über Hilfsmöglichkeiten reden. Angefangen von einem Plan, was in den nächsten Stunden passieren kann, über die Möglichkeiten einer Therapie bis hin dazu, dass wir gemeinsam überlegen, welche Ansprechpartner und Freunde in der nächsten Zeit erreichbar sind. Notfalls auch die Telefonseelsorge. Das sind Dinge, die ich im Rahmen meiner Verantwortung tun kann. Und grundsätzlich die Augen aufhalten, ob junge Menschen sich in ihrem Verhalten verändern. Denn jedes Leben ist wert, geschützt und geachtet zu werden. Egal wie tief ein Mensch fällt.

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