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SWR1 Begegnungen

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Nach der Geburt ihres vierten Kindes fängt Elke Mildner an zu trinken, oder wie sie selbst sagt, zu saufen. Vier Kinder in fünf Jahren, sie war einfach ausgebrannt. Erst einmal half ihr der Alkohol weiter zu funktionieren und ihr Leben zu meistern. Sie macht ihr zweites Staatsexamen, unterrichtet Religion und Französisch, kümmert sich um die Familie. Am Schluss braucht sie mindestens einen Liter Wodka am Tag. Sie hat sich zu Tode geschämt, wusste aber nicht, wie sie ihre Krankheit überwinden konnte.

Und dann habe ich gedacht, der liebe Gott muss mir doch helfen und dann habe ich immer in der Kirche gesoffen, also wenn die leer war, hatte ich immer mein Jägermeisterfläschchen in der Tasche und hab gedacht, der streckt seinen langen Arm darunter und haut mir die Flasche aus der Hand und löst das Problem für mich. Ich bin damit beichten gegangen, ich hab nicht gewusst, dass es dafür Doktors gibt und eine Klinik, sondern ich hab das als moralischen Defekt empfunden und damit war ich natürlich hoffnungslos verloren, da gehörte was professionelles rein und ich habe es einfach nicht gewusst.

Gott hat ihr zwar nicht direkt dieFlasche aus der Hand geschlagen, für Elke Mildner hatte er dennoch seine Finger im Spiel. Ich frage sie, wie sie aus der schlimmsten Verzweiflung herausgefunden hat.

Ich hab nicht geglaubt, dass eine Therapie hilft, ich hab geglaubt, das wäre Gebabbel. Und hab dann einen Selbstmord gemacht, gut geplant und hat trotzdem nicht geklappt und bin dann in die Psychiatrie gekommen, Gott sei Dank und da habe ich dann leben gelernt.

Noch in der Klinik beschließt Elke Mildner: gegen die Volkspest Alkohol muss ich was tun und ich möchte für andere da sein, die genauso leiden wie ich. Sie gründet in Rottenburg die Oase, eine Wohngemeinschaft für trockene Alkoholiker und lebt gemeinsam mit ihnen unter einem Dach. Nach und nach kommen weitere Häuser dazu, ein Café, Notunterkünfte, eine Kleiderkammer. Von Anfang an war der Christin wichtig, ihr Projekt unter dem Dach und mit Unterstützung der Kirche aufzubauen, denn - und das sagt sie mir mit einem Augenzwinkern - mit dem lieben Gott geht es besser.

Die Arbeit, die Begegnung mit Menschen, die sind schwierig. Und nur aus diesem Selbsthilfegedanken oder Solidarität hält man das keine 34 Jahr durch, das geht gar nicht. Aber wenn ich so einen ganz Elenden, Nassen oder Unglücklichen vor mir habe, wo ich denke, durch dessen Augen schaut mich der liebe Gott an, dann ist das schon mal was ganz anderes. Das ist eine ganz andere Grundlage, das gibt eine ganz andere Kraft, eine andere Konsequenz und eine andere Sicherheit.

Die Menschen die zu Elke Mildner kommen, sind am Ende, haben sich in Grund und Boden gesoffen. Menschen, die keiner mehr will. Bei der kleinen Person mit dem großen Herzen machen sie eine völlig neue Erfahrung: Hier bist du willkommen! Sie gibt den Menschen ein zu Hause und das Gefühl, nicht der Abschaum der Welt zu sein. Und sie gibt dem, der es annehmen möchte, auch ein Stück von ihrem unerschütterlichen Glauben mit.

Ich mach denen das Angebot, ich hab hier im Haus ja die Katakombe, also eine Kirche, es hängt ein Gebetskreis dran, wo sie hingehen können, also ich mach es vorsichtig, also ich hau keinem die Religion um die Ohren, also, bei uns muss keiner Weihwasser saufen, aber ich merke für die die sich einklinken, dass es ihnen enorm hilft, das ist auch in der Ordnung der Vergangenheit und der Bewältigung der Kränkung, alles was in diesem Leben so wichtig ist, eine enorme Hilfe ist.

 Für ihre Arbeit hat die studierte Theologin schon mehrfach Auszeichnungen bekommen und auchschon einmal den Titel einer Mutter Theresa Rottenburgs ­- davon will sie aber nichts hören. Die Auszeichnungen seien zwar ganz nett, weil sie ein breiteres Bewusstsein für Alkoholprobleme schaffen würden.Wahres Glück bedeutet aber in ihren Worten, wenn Menschen wieder Menschen werden. Wie z.B. im Fall von Alfred, der als junger Mann einen Menschen umgebracht hatte und lange dafür im Gefängnis saß. Eines Tages stand er völlig verzweifelt bei Elke Mildner vor der Tür und hat bei ihr eine neue Heimat gefunden.

Der hat ein schreckliches Leben gehabt, also die Kindheit entsprechend und die letzten 14 Jahre war der, im Rahmen seiner geringen Möglichkeiten, immer mal wieder glücklich. Und das hatte ganz viel mit dem Glauben zu tun. Ja was will ich den mehr? Also wenn es sich um niemanden gelohnt hat, dann um Alfred. Aber es hat sich um ganz viele andere auch geloht.

Seit 34 Jahren trägt Elke Milder inzwischen die schwierigen Schicksale und das Leid anderer Menschen mit auf ihren Schultern. Sie sagt, sie fühle sich dazu berufen, aber ich frage sie, woher sie die Kraft nimmt, sich täglich immer wieder auf neue Probleme einzulassen.

Natürlich ist es manchmal zu viel. Und wenn morgens um vier das Telefon klingelt und diese klagende Stimme, das ist immer sehr ähnlich: ich kann nicht mehr, ich saufe, dann ist die Energie wieder sofort da. Natürlich ist da zwischenzeitlich mal die Erschöpfung, das ist völlig normal, aber das dauert dann vier Minuten oder so was, also nicht sehr lange. Es ist die Leidenschaft, ich könnte jetzt nicht einfach sagen, jetzt bin ich 70, jetzt lege ich die Füße hoch, das geht nicht, also, das geht einfach nicht.

Und wenn es dann doch einmal besonders hart kommt, will ich wissen?

Dann gehe ich beim lieben Gott die Energiequellen anzapfen, das klappt immer.      

Die Nähe zur Kirche war ihr bei ihrer Arbeit schon immer wichtig. Sie ist davon überzeugt, dass Menschen, die ganz unten angekommen sind, über den Glauben wieder einen neuen Sinn finden können. Gerade deswegen kritisiert sie, dass die Kirche sich aus ihrer Sicht nicht mehr genug um die Randgruppen kümmert  - Arme, Asoziale und psychisch Kranke ausschließt.

Das sind so unterschiedliche Welten, die finden nicht zusammen. Ich weiß auch, dass die alle überlastet sind, aber so eine Bereitschaft, sich auf das Elend einzulassen inklusive sich dreckig zu machen - diese Welten sind zu weit auseinander. Und da versteh ich mich schon so als Brücke und das klappt ja dann auch oft.

Am Ende unseres Gesprächs führt mich Elke Mildner noch in den Keller ihres Hauses, dort wo sich die Katakombe, der Gottesdienstraum befindet (Geräusche Treppenstufen).Am Eingang hängt ein Kreuz. Elke Mildner lacht und sagt zu mir „Der Chef ist schon da, der ist immer da". Die Katakombe wurde ganz schlicht gestaltet. Ein kleiner Altar, ein paar Blumen und unzählige Kerzen. Ein Raum mit besonderer Bedeutung.

Sie heißt Katakombe aus gutem Grund und für mich erscheint das so logisch, dass man da einen Gottesdienstraum macht, dort wo der schlimmste Feind wohnt. Im Keller liegt der Alkohol rum, in aller Regel, das war ja ein Mostkeller und dass man da ausgerechnet den Gottesdienstraum macht, das find ich logisch. Und von daher trifft das so die Idee der ganzen Arbeit. Und dass das Haus, das ja eben auch für die anderen Heimat ist, so zusagen auf dieser Katakombe steht, das gibt auch einen Sinn, die Basis ist der Gottesdienst.

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