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SWR2 Wort zum Tag

Auch als er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandelns erhielt, wollte er die versammelte Festgemeinde nicht einfach in Frieden lassen. Alexander Mitscherlich, Buchhändler, Widerständler, Mediziner, Psychologe und Essayist las auch hier öf-fentlich der Bundesrepublik und ihrer Vertretern die Leviten. 1969 war das und Mitscherlich einer der bekanntesten Kritiker der bundesrepublikanischen Wirt-schaftswundermentalität. Seinem Themen wollte damals kaum einer hören: Die Schuld der deutschen am zigmillionenfachen Menschenmord in nationalsozialisti-scher Zeit, die Frage nach dem Frieden in Zeiten des Kalten Krieges, die Bedingun-gen eines menschenwürdigen Lebens für alle.
Zu diesen Themen kam er aufgrund von Erfahrungen. So konnte als junger Mann seine Dissertation nicht fertig stellen. Denn sein Doktorvater Paul Joachimsen war Jude. Und als der 1932 starb, weigerte sich sein Nachfolger, die Arbeit Mitscher-lichs weiter zu betreuen. Die Buchhandlung, die der junge Ex-Student dann auf-macht, wird 1935 von der SA geschlossen. Er wird steckbrieflich gesucht und emig-riert in die Schweiz. Auf einer Fahrt nach Deutschland wird Mitscherlich 1937 fest-genommen und sitzt in Nürnberg für mehrere Monate in Haft.
Nach dem Krieg ist Mitscherlich als Mediziner tätig. Er beobachtet den Nürnberger Ärzteprozess und dokumentiert akribisch die unmenschlichen Experimente an Pati-enten in nationalsozialistischer Zeit. Sein Bericht bringt ihm den Ruf eines Nestbe-schmutzers und Vaterlandsverräters ein. Erst Jahre später kann er veröffentlicht werden.
Mitscherlichs Themen in den folgenden Jahren: Die Aufarbeitung der Vergangenheit und die Frage, wie Frieden möglich ist. Themen, die das Nachkriegsdeutschland aufrütteln und heftige Diskussionen auslösen. Es sind aber auch Themen, die heute noch auf der Tagesordnung stehen. Denn Mitscherlichs Überlegungen zwingen uns damals wie heute zu einem genauen Blick auf die Welt: Auf die Gründe für Krieg und Terror, auf die Blockaden, die Frieden verhindern, auf die Vergangenheit, die niemanden ruhen lässt, aber oft genug verschwiegen wird.
Heute, vor fünfundzwanzig Jahren, am 16. Juni 1982 starb Alexander Mitscherlich in Frankfurt am Main. Von ihm können wir alle noch lernen – Christen, Humanis-ten, Atheisten, Menschen aller Religionen und Bekenntnisse. Denn wir haben alle nur dieses eine Leben, wir haben nur diese eine Welt.
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