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SWR4 Sonntagsgedanken

Wer ein Haus baut oder ein großes Gebäude für seine Firma weiß:
Eine solide Kalkulation ist das Entscheidende, damit das Bauen nicht zum Scheitern verurteilt ist.
Mein Traum soll Wirklichkeit werden. Doch wie kann ich das Projekt umsetzen? Ich muss Grundkapital haben, damit mir die Bank Geld leiht. Je höher mein Grundkapital, desto einfacher ist die Finanzierung. Wenn ich nicht krank werde oder arbeitslos, geht es gut mit der Kalkulation. Und ich kann ruhig schlafen.
Ich baue mein Haus und zahle es planmäßig ab. Die Firma bezieht ihr neues Gebäude, die Wirtschaft brummt und die Investitionen machen sich bezahlt. Aber manchmal passiert eben doch etwas Unvorhergesehenes und dann kommt die ganze Kalkulation in eine Schieflage.
Offensichtlich ist das Problem schon alt, denn Jesus hat es auch gekannt.
Sein Vater Josef war Bauhandwerker. Wie damals üblich hat er seinem Sohn Jesus die Kunst des Bauhandwerks weitergegeben. Gut vorstellbar, dass
Jesus auch wirklich auf dem Bau geschuftet hat. Und selbst Wohnhäuser und Türme gebaut hat.
Und so weiß Jesus durchaus, wovon er spricht, wenn er sagt: „Stellt euch vor, jemand möchte einen Turm bauen. Wird er dann nicht vorher die Kosten überschlagen? Er wird doch nicht einfach anfangen und riskieren, dass er bereits nach dem Bau des Fundaments aufhören muss. Die Leute würden ihn sonst auslachen und sagen: Einen Turm wollte er bauen! Aber sein Geld reichte nur für das Fundament."
Falsche Kalkulation kann den finanziellen Ruin bedeuten. Das Gespött der Leute ist das eine, aber die Folgen für Familie und Betrieb sind manchmal noch viel gravierender. Deshalb:
Wer seinen Bau zu Ende führen will, muss gut kalkulieren.
Der Turm ist ein Bild für ein Risiko, das wir eingehen. Manchmal erscheint mir ein Risiko ja auch so hoch wie ein Turm. Die Frage ist, wie ich mit solchen Risiken umgehe.
Jesus hat das Risiko nicht gescheut. Ich glaube nicht, dass er alle Zaghaften und Ängstlichen bestärken wollte, bloß nichts zu unternehmen oder etwas zu wagen. Er hat ja nicht gesagt: Lass das mit dem Turmbauen. Aber klar ist auch. Wer ein Risiko eingeht, der sollte es gut kalkuliert tun. Zaudern und Zögern sind nicht dran. Es ist gut, einen Turm zu bauen. Mach das. Veränder die Welt. Schaffe was Neues. Aber stolper nicht blindlings ins Risiko.
Mach es richtig oder lass es ganz. Wenn du meinst, du könntest das Risiko ohne sorgfältige Prüfung eingehen, wirst du dich verkalkulieren.

Welches Risiko soll gut kalkuliert werden? Was meint Jesus mit dem Bild vom Turm, der unvollendet herumsteht? Und dessen Bauherr zum Gespött der Leute wird? In meiner Bibel steht über diesem Vers:
Von der Nachfolge. Das sagen wir heute kaum noch. Es bedeutet, dass Jesus Männer und Frauen motiviert hat, sich auf ein Leben mit ihm einzulassen. Dieses Risiko einzugehen, mit ihm zu gehen, in seine Fußstapfen zu treten - eben -ihm nachfolgen.
Aber der Preis dafür war hoch: Gib dein sicheres Zuhause auf. Verlass deine Familie. Verzichte auf ein geregeltes Einkommen. Das klingt nicht besonders attraktiv, ja geradezu fragwürdig. Auch für unsere Ohren heute noch. Doch Jesus war radikal. Wenn du das nicht schaffst, dann bleib bei deiner Familie und deinem Beruf. Aber wenn du dich entscheidest, mit mir zu leben, dann mach es richtig. Sonst hast du dich verkalkuliert und bleibst auf halbem Weg stecken.
Ich weiß, nicht überall in den Evangelien stellt Jesus so steile Forderungen. Er nimmt ja auch gern die Gastfreundschaft von Menschen an, die ihn in ihr eigenes Haus einladen. Und er liebt es, gemeinsam mit ihnen zu essen. Und damit auch von ihrem Einkommen zu leben. Er verurteilt Menschen, die Familie, Haus und Hof ihr eigen nennen, nicht.
Doch der Stachel bleibt. Müssten Christen heute nicht radikaler leben? So wie Jesus.
Oder Franz von Assissi oder Mutter Theresa. Sie haben wirklich auf alles verzichtet, um anderen Menschen zu dienen. Und ihr Leben mit den Armen und Kranken zu teilen. Müsste ich als Christin nicht radikaler leben, kompromissloser? Habe ich das Risiko richtig eingeschätzt oder habe ich mich verkalkuliert?
Ist mein Turmbau steckengeblieben im Lauf der Jahre, die ich als Christin lebe? Ich will keine vorschnellen abwiegelnden Antworten finden, die mich beruhigen sollen. Sondern mir Zeit nehmen, mich ernsthaft zu prüfen. Dabei hilft mir etwas, was Jesus gesagt hat. Lernt von mir. Ich muss also nicht perfekt sein, sondern kann immer noch lernen.
Auch wenn ich merke: Da habe ich ziemlich daneben gelegen, das war falsch, das war wirklich engherzig und gemein, lieblos oder dämlich. Ich habe eine Chance, es das nächste Mal besser zu machen. Mein Turmbau bleibt nur dann stecken, wenn ich kapituliere.
Wenn ich keinen neuen Anlauf mehr unternehme und resigniert das Handwerkszeug weglege. Das möchte ich nicht. Also nehme ich es mir jeden Tag neu vor, weiterzumachen. Dieser Spur von Jesus nachzugehen. Dieses Risiko kann ich eingehen.
Denn zum Glück bin ich nicht allein bei diesem Unternehmen Nachfolge. Wir sind noch immer viele. Frauen, Männer, Kinder, Junge, Ältere. Mein Leben lang habe ich meinen Glauben mit anderen teilen dürfen. Ohne sie wäre mir das Risiko zu hoch. Ich kann nicht allein glauben. Nicht allein Jesus nachfolgen. Aber zusammen können wir uns gegenseitig bestärken, ermutigen, Erfahrungen teilen. So habe ich das Risiko des nachfolgenden Glaubens an Jesus gut kalkuliert.

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