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SWR4 Abendgedanken

„Ich komme jeden Tag hierher und rede mit meiner Frau."Das hat mir der ältere Mann erzählt, den ich auf dem Friedhof traf. Ich kannte ihn. Er hatte seine bettlägerige Frau die letzten Jahre zuhause gepflegt. Tag und Nacht. Nur für Besorgungen verließ er das Haus. Er wollte seine Frau nicht ins Pflegeheim tun, obwohl die Pflege ihn oft an die Grenze seiner Kraft brachte. Er hatte ihr versprochen, sie nicht wegzugeben. Sein Sohn war anderer Meinung. Er sah die Last, die sein Vater trug. Er versuchte den Vater zu überreden, die Mutter ins Pflegeheim zu geben. Darüber zerbrach die Beziehung der beiden. Die Frau starb und der Mann war nun ganz allein. Seit ihrem Tod vor drei Jahren besucht er jeden Morgen ihr Grab. „Ich erzähle ihr dann, was ich gestern erlebte habe. Manchmal muss ich dabei weinen. Aber bei ihr schäme ich mich nicht dafür." Mich berührt das Schicksal dieses Mannes. Das einzige, was ihm bleibt, ist das Gespräch mit seiner toten Frau. Und die Tränen, die er vergießt, weil sie nicht mehr da ist. Tränen, die niemand sieht.
Die Bibel erzählt in einem der Psalmen, wie einer sich in seiner Not an Gott wendet und ihn bittet: „Sammle meine Tränen in deinen Krug. Ohne Zweifel, du zählst sie." (Psalm 56, 9).
Ich verstehe das so. Gott sieht meine Tränen, jede einzelne, auch die heimlichen. Ich bin ihm nicht gleichgültig. Das erfährt der Beter des Psalms als er sich an Gott wendet und mit ihm redet. Da spürt er: Mit Gott zu reden tut mir gut. Mein Herz wird mir leichter. Der Blick klarer. Ich sehe wieder einen Weg für mich.
Bevor er vom Grab seiner Frau weggeht, redet der alte Mann auch mit Gott, hat er mir erzählt. Er betet ein Vaterunser. Jeden Tag. Vertraute Worte, von Kindheit an. Wenn er „Vaterunser" sagt, kommt er Gott nahe. Dann fühlt er sich nicht mehr so allein. Wie gut, dass Gott unsere Tränen sieht und unser Gebet hört.

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