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SWR4 Abendgedanken

Meistens haben wir geschwitzt, manchmal sind wir aber auch nass geworden. Auf alle Fälle war sie sehr lang und sehr feierlich: Die Fronleichnamsprozession in dem Dorf meiner Kindheit. Sie war früher in katholischen Dörfern einer der wichtigsten Veranstaltungen im Jahr. Und auch für mich als Kind gehörte sie zum Jahresrhythmus wie die Umzüge an Fastnacht, Kirmes und St. Martin.

Heute ist das anders. Es gibt nur noch wenige Dörfer, in denen Fronleichnam so feierlich begangen wird wie zu meiner Kindheit. Selbst dort, wo noch der überwiegende Teil der Bevölkerung katholisch ist, sind längst nicht mehr alle Häuser geschmückt und auch nicht alle Katholiken machen mit. Wie denn auch, viele sind nämlich gar nicht da. Sie nutzen diese Tage für einen Kurzurlaub. Die Fronleichnamsprozession ist heute nicht mehr eine Veranstaltung des ganzen Dorfes, sondern höchstens noch der Aktiven der Kirchengemeinde. Man kann also sagen: aus der Prozession aller wurde eine Demonstration weniger. Wobei das Wort Demonstration bei uns häufig einen negativen Beigeschmack hat. Leute machen eine Demo, wenn sie gegen etwas sind. Die Fronleichnamsprozession ist da anders. Sie ist eine Demonstration für etwas. Für einen Gott, der auf die Straßen Plätze will. Denn während der Fronleichnamsprozession wird die Hostie, ein kleines Stück Brot durch die Straßen getragen. Das kleine Stück Brot, von dem wir sagen, da ist Gott in besonderer Weise anwesend. Gott durch den Ort zu tragen, ist für mich eine sinnenfällige Demonstration dafür, dass der Gott Jesu Christi ein Gott ist, der sich nicht in eine Kirche einschließen lässt. Der nicht nur für die Gebete der Frommen da ist. Dem die Sorgen und Nöte aller Menschen wichtig sind. Ein Gott, der auf die Straßen und Plätze will - unabhängig davon, wie viele Leute am Straßenrand stehen und jubeln.

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