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SWR4 Abendgedanken

„Gut ist Gott zur Seele, die ihn sucht" (Klgl 3,25) - ein Satz aus der Bibel, genauer gesagt aus den Klageliedern des Jeremia. Ein Satz, den ich manchmal dick unterstreichen möchte, der mir aber manchmal auch so richtig querliegt, der meinen Protest herausfordert und mich ärgert.

Unterstreichen möchte ich den Satz: „Gut ist Gott zur Seele, die ihn sucht", wenn es mir selbst gut geht und ich auch in Sachen des Glaubens keine größeren Probleme habe. Wenn der Glaube größer ist als der Zweifel, ich mich von Gott getragen weiß und ich so mit einer positiven Lebenseinstellung an die Probleme des Alltags herangehen kann.

Der Satz regt mich auf, wenn es mir nicht gut geht. Wenn Sorgen und Nöte mich plagen und auch mein Glaube ganz schön am Wackeln ist. Wenn ich nicht so genau weiß, wo ich mit dem lieben Gott dran bin, ob es ihn gibt und was er von mir will. Dann macht mich der Satz: „Gut ist Gott zur Seele, die ihn sucht" wütend. Denn er heißt ja im Umkehrschluss: Wenn Gott zu dir nicht gut ist, suchst Du ihn eben nicht genug. Du bist selbst schuld. Und damit liegt der schwarze Peter ganz bei mir. Und das ärgert mich.

Wie ich aus dieser Wut und aus diesem Ärger herauskomme? Ich werfe ihn Gott an den Kopf. Ich schimpfe mit ihm, beklage mich laut, nehme kein Blatt vor den Mund. Und am Ende meines Schimpfens und Klagens beruhige ich mich in aller Regel. Das kann einige Zeit dauern - Tage, Wochen, Monate. Ich werde ruhig, weil ich erkenne, dass auch schimpfen und wütend sein auf Gott bedeutet, Gott zu suchen. Und ohne behaupten zu können, ihn gefunden zu haben, spüre ich dann trotzdem ein wenig von Gottes Nähe und werde ruhig. Und so kann ich ihn wieder unterschreiben den Satz: „Gut ist Gott zur Seele, die ihn sucht."

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