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SWR2 Wort zum Tag

Von Rainer Maria Rilke stammen die folgenden Zeilen:

„Man muss Geduld haben

gegen das Ungelöste im Herzen

und versuchen die Fragen selbst lieb zu haben

wie verschlossene Stuben und wie Bücher,

die in einer fremden Sprache

geschrieben sind. ...

Es handelt sich darum, alles zu leben.

Wenn man auch die Fragen lebt,

lebt man vielleicht allmählich

ohne es zu merken,

eines fernen Tages in die Antwort hinein."

„Geduld haben gegen das Ungelöste im Herzen", „die Fragen selbst lieb haben", wie Türen, die noch verschlossen sind, wie Bücher in einer fremden Sprache - und so „vielleicht allmählich ... in eine Antwort hineinwachsen". Als ich das Buch „Geduld mit Gott" des tschechischen Theologen Tomás Halík in der Hand hielt, dachte ich an diese Zeilen von Rainer Maria Rilke. Bei Halik geht es darum, dass diejenigen, die angesichts des Geheimnisses, das Gott ist, geduldig warten und im Fragen nicht aufgeben und so an ihn glauben, - dass also die geduldig Glaubenden diejenigen Zeitgenossen als ihre Geschwister wahrnehmen können, die ebenso redlich und geduldig sind im Blick auf das Geheimnis, das Gott ist - und die nicht an ihn glauben.

Das Buch „Geduld mit Gott" wirbt um die Sympathie der einen für die anderen, es wirbt um eine ‚Koalition' all der Menschen, die im Angesicht des Geheimnisses Gottes in ihrem Fragen nicht müde werden und geduldig damit sind, dass sie keine Antwort finden. Das Buch wirbt im Grunde darum, in der Geduld die entscheidende Gemeinsamkeit zu sehen, und nicht Menschen einzuteilen in Glaubende und Nichtglaubende. Die Geduldigen unterscheiden sich viel deutlicher von denen, die „fertig sind mit dem Geheimnis, das wir Gott nennen" und nicht wartend das Fragen aushalten, egal, ob sie sich „gläubig" oder „ungläubig" nennen.

Den religiösen Fundamentalisten, wie auch den selbstsicheren Atheisten rät der Theologe Tomás Halík: „man muss geduldig an der Schwelle zum Geheimnis ausharren und in ihm verweilen". (10) „Mit einem Geheimnis darf man nie ‚fertig sein'." „Ein Geheimnis lässt sich ... nicht fassen". (ebd.)

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