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SWR2 Wort zum Tag

- eine unabhängige Frau und die Tiefe des Glaubens

„Ein weites Herz" - so heißt die Biographie, die der Verleger und Publizist Matthias Wegner über eine beindruckende Frau geschrieben hat: Isa Vermehren, Schwester Isa Vermehren genauer gesagt, die dem Orden der Sacre Coeur Schwestern angehörte. In der Fernsehreihe „Zeugen des Jahrhunderts" erzählte sie vor einigen Jahren von ihrem Lebensweg, der 1918 in Lübeck, als Kind einer bürgerlich wohlsituierten Familie, begann und 2009 im Kloster ihres Ordens, in Pützchen bei Bonn endete.

Ich habe mich mit der Biographie dieser Frau zum einen deshalb beschäftigt, weil meine Tochter auf eine Schule geht, die einst neun Jahre lang von Isa Vermehren geleitet wurde; zum anderen, weil zu Ostern ein Fernsehfilm über ihr Leben angekündigt war.

Der Fernsehfilm ist inzwischen gelaufen, Millionen haben ihn gesehen und ich blieb etwas ratlos zurück, weil aus der interessanten und beeindruckenden Biographie eine äußerst frei interpretierte Familiensaga wurde.

Diese Lebensgeschichte zeigt eine Frau, die als 16jährige zum gefeierten Star des Berliner Kabaretts wurde, das in den 30er-Jahren unter besonderer Beobachtung der Nazi-Kontrolleure stand, die bekannt wurde als Filmschauspielerin und durch ihre Schallplatten. Seemannslieder waren es überwiegend, mit frecher Stimme und Knautschkommode vorgetragen; vor allem für das bekannte Stück „eine Seefahrt, die ist lustig" steht der Name Isa Vermehren. Weil ihr Bruder zu den Alliierten übergelaufen war, kamen sie und die anderen Familienmitglieder als sogenannten „Sippenhäftlinge" in gesonderte Gefängnisblocks von Konzentrationslagern. Nach dem Krieg schrieb Isa Vermehren einen der ersten Augenzeugenberichte, in denen das Schreckenssystem der Nazis beschrieben und reflektiert wurde. Das Buch hieß: „Reise durch den letzten Akt: Ravensbrück, Buchenwald, Dachau: eine Frau berichtet".

Diese unabhängige, kluge Frau mit wachem Blick, sie entdeckte auf ihrem Weg die Kraft des Glaubens und entwickelte den sehnlichen Wunsch, in eine katholische Ordensgemeinschaft einzutreten. Das hat mich sehr beeindruckt, denn diese Lebensform wird nur selten mit freien und unabhängigen Geistern in Verbindung gebracht.

Ich lese aus dieser Biographie heraus, dass es die Tiefendimension des Glaubens war, die Isa Vermehren anzog und sie wissen ließ, dass sie Ihre Unabhängigkeit und ihren freien Geist nicht an der Kirchen- oder Klostertür abgeben musste.

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