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SWR4 Abendgedanken

Auf der Flucht schmeckt das Brot anders als sonst. Manchmal erzählen mir Menschen von ihren Erfahrungen auf der Flucht. Von Hunger und Heimweh. Eine Frau erinnerte sich, wie köstlich ihr das erste Stück Brot geschmeckt hat, als sie endlich in Sicherheit war.
Die Bibel erzählt von einer Flucht, die mit einem ganz besonderen Brot verbunden war. In den Mosebüchern kann man lesen, wie die Zeit der Sklaverei für Israel ein Ende haben soll. Gott selbst würde sie befreien. Sie sollten nicht mehr für den Pharao schuften, denn Mose würde sie aus dem Land der Sklaverei hinausführen. In der Nacht vor dem Aufbruch sollten sie sich bereithalten. In den Vorbereitungen blieb nur wenig Zeit. Auf Sauerteig im Brot musste deshalb dieses Mal verzichtet werden. Sauerteig braucht Zeit. Er macht das Brot locker. Es schmeckt besser. Aber auf der Flucht zählen andere Dinge als leckeres Essen. Die Zeit ist knapp.
Dieses ungesäuerte Brot wird später zum Sinnbild für diese Nacht des Aufbruchs, die Nacht des Auszugs aus Ägypten. Alle waren gewiss aufgeregt, gespannt, voller Erwartung, vielleicht auch Furcht. Wer achtet da schon auf's Essen!
Es gibt in besonderen Situationen oft nur ein ganz schlichtes Essen. Und genau das wird verbunden mit der besonderen Situation. So wie die Lebkuchen auch mitten im Sommer nach Weihnachten schmecken. Und der besondere Apfelkuchen nach der guten Stube bei der Großmutter.
Und ein ganz schlichtes Brot kann köstlicher schmecken als manches opulente Gericht. Der Zwieback, den die Mutter dem kranken Kind zu essen gibt, schmeckt auch nach Fürsorge und Stärkung. Das Kind kann schmecken, dass es umsorgt wird. Diesen Geschmack wird auch der alte Mann noch erkennen und die alte Frau.
Auch heute noch - Jahrhunderte -- nach jener Flucht essen die Israeliten einmal im Jahr ungesäuertes Brot in der Erinnerung an diese besondere Nacht. Und ich stelle mir vor, dass es ganz besonders köstlich schmeckt. Es schmeckt nach Freiheit und Aufbruch und nach der Liebe Gottes.

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