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SWR2 Wort zum Tag

„Ich will nicht". Das ist der wohl wichtigste und zugleich anstrengendste Satz, den Kinder lernen.

Wichtig ist dieser Satz für das Kind. „Ich will nicht", das heißt: Ich mache den ersten großen Schritt hin zu einer eigenständigen Person. Ich kann »Ich« sagen. Und mich meinen. Es geht nicht um das, was andere wollen, was ich anderen zuliebe tue. Es geht um mich. „Ich will nicht", heißt: Ich kann abgrenzen, ich lasse nicht mehr alles mit mir machen, ich ergreife Partei für mich selbst.

Anstrengend ist dieser Satz für Eltern, für Großeltern, für Kindergärtnerinnen und Lehrer. Jetzt fängt die Zeit an, in der alles begründet und ausgehandelt werden muss. In der sich das Kind nicht mehr einfach so etwas sagen lässt. Selbst wenn das, was die Eltern wollen, auch objektiv gut und richtig für das Kind ist. „Zieh warme Schuhe an, es friert!" „Ich will nicht." „Lass uns noch was Mathe lernen, übermorgen ist die Arbeit!" „Ich will nicht." „Es ist spät, mach mal den Computer aus." „Ich will nicht."

Mich macht der Kampf mit unseren Kindern manchmal müde. Und vielen anderen Eltern oder Großeltern geht das auch so. Dann gebe ich auf. Gut, denke ich, wenn sie das besser wissen, dann sollen sie halt die Erfahrung selbst machen. Sollen selbst auf die Nase fallen. Kalte Füße kriegen, die Mathearbeit verhauen, morgen verschlafen.

Ich finde es richtig wohltuend, dass auch Jesus diese Erfahrung mit den Menschen machen muss. Dem ging es nicht anders. In einer biblischen Stelle heißt es: „Ihr habt nicht gewollt!" (Matthäus 23,37) Da höre ich ganz schön viel Frust heraus. Da will Jesus für die Menschen da sein, will den Menschen Gutes tun. Und sie wollen einfach nicht. Jesus verzweifelt über die Menschen - das ist eine wenig bekannte Seite des Menschensohnes. Und zugleich eine unheimlich spannende. Sie erzählt nämlich davon, dass Gott die Menschen als eigenständige Personen ernst nimmt. Menschen sind frei. Und sie dürfen frei sein - auch gegenüber Jesus, auch gegenüber Gott. Menschen dürfen und sollen einen eigenen Standpunkt haben - selbst wenn das manchmal anstrengend ist. Aber diese Freiheit gehört zum Glauben dazu.

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