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SWR2 Wort zum Tag

Was wäre, wenn an Ostern ein paar Leute in die Kirche kommen und eine Krippe aufstellen? Wenn sie Maria und Josef dazu stellen, das Jesuskind ins Stroh legen? Wenn sie auch die Hirten, Engel und Könige anschleppen? Eine Krippe an Ostern? Ich vermute, es würde Erstaunen geben, vielleicht Gelächter, möglicherweise aber auch Ärger. Schließlich gehört die Krippe zur Weihnachten. An Ostern hat sie nichts verloren.

Dabei wäre es gar nicht so falsch, auch in der Osterzeit eine Weihnachtskrippe aufzustellen. Warum? Die Theologin Marlies Giehlen bringt das auf den Punkt. Sie sagt: „Die Weihnachtskerzen werden am Osterfeuer entzündet." Eine merkwürdige Behauptung.

Aber eine Spurensuche in der Bibel führt da weiter. Als die ersten Christen ihre Erinnerungen an Jesus zusammentragen, da ist von Weihnachten noch keine Rede. Die ersten Christen erzählen sich die Geschichte vom Leiden, vom Tod und von der Auferweckung Jesu weiter. So kennt der Evangelist Markus gar kein Weihnachten. Jesus tritt bei ihm als erwachsener Mann auf. Für Markus ist nicht sein Woher interessant, sondern einzig seine Botschaft vom nahen Reich Gottes.

Erst Jahrzehnte später fragen sich die Menschen, wo dieser Jesus eigentlich herkommt. Sie fragen nach seinen Eltern, seinen Geschwistern. Sie fragen nach seinem Beruf und seinem Leben. Hier kommen die Evangelisten Matthäus und Lukas ins Spiel. Sie sind überzeugt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes - lange erwartet und erhofft. Das zeigt sich, da sind sich beide Schriftsteller sicher, in seinem Tod und seiner Auferweckung. Und aus dieser Perspektive heraus erzählen sie dann von der Geburt und Kindheit Jesu.

Auf vielen alten Weihnachtsbildern zeigt sich dieser Zusammenhang zwischen Tod, Auferstehung und Geburt. Da hängt zum Beispiel ein Kreuz an der Wand des Stalls. Mitten über der Krippe, in der das neugeborene Kind liegt. Für die Künstler ist das kein Widerspruch. Im Gegenteil. Sie sehen das Leben Jesu als eine Einheit. Anfang und Ende gehören zusammen. So, wie bei jedem Menschen.

Ich finde das ermutigend. Allzu oft sehe ich, wenn ich mit Menschen umgehe, ja auch nur eine Momentaufnahme. Sehe nur den Augenblick. Die Krippe an Ostern, das Kreuz im Stall, sie erinnern mich daran: das Leben setzt sich aus vielen Momenten zusammen, die auch zusammengehören. So wie bei Jesus.

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