Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR1 Begegnungen

Fair und Gerecht - Leben und „Verbrauchen" 

begegnungen > hassemer.jpg

Heute begehen die  Katholischen Gemeinden den Misereor-Sonntag. Da geht es um gerechte Lebensbedingungen für alle Menschen. Kathrin Hassemer beschäftigt sich das ganze Jahr über mit diesem Thema. Sie managt den Eine-Welt-Laden im Rheinhessischen Gau-Algesheim. Kaffee, Tee, Schokolade, sogar Fußbälle, kann man dort zu fairen Preisen kaufen. Aber Einkaufen aus Mitleid, das ist auch im fairen Welthandel passe: 

 Wir haben nichts zu verschenken"  - die Produzenten liefern eine sehr, sehr gute Qualität und das überzeugt auch die Kunden - bitterer Kaffee, das gehört absolut der Vergangenheit an. 

Engagement in der Gemeinde

Wer interessiert sich im beschaulichen Rheinhessen für den großen Welthandel und Rohstoffpreise? Kathrin Hassemer aus Gau-Algesheim ist ehrenamtliche Expertin zum Beispiel für die Produktion von Kaffee. Ich treffe die Achtunddreissigjährige Mutter von zwei Kinder in ihrem Zuhause. Sie hat noch Einiges zu tun, weil sie für das Wochenende einen Coffee-Stop vorbereitet. Im Kindergarten und nach dem Sonntagsgottesdienst werden die Leute eingeladen, eine Tasse Kaffee zu trinken und sich dabei über die Produktion von Tee oder Kaffee zu informieren. Voller Elan erzählt sie mir von den Projekten des Weltladens. Für den fairen Welthandel begeistert sich Kathrin Hassemer schon ganz lange: 

Ich glaube, bei mir hat das schon als junges Mädchen angefangen, da hab ich mich engagiert hier in der Pfarrgemeinde, als Missio-Austrägerin, Missio-Aktuell heißt die zeitschrift,bereit erklärt, und hab da natürlich viel gelesen, und das war sicherlich der Anfang.

Mit der Jugendarbeit in der Katholischen Kirche kam die große weite Welt zu Kathrin Hassemer ins beschauliche Rheinhessen. Ein weltoffener Pfarrer hat die Gemeinde geprägt, deshalb gibt es schon seit 25 Jahren den Weltladen in Gau-Algesheim. Einfach nur Almosen geben, das ist zu billig, findet Kathrin Hassemer. Gemeinsam mit Ihrem Team wehrt sie sich gegen Aktionen, deren Erlöse zwar für einen guten Zweck sind, bei denen aber billiger Kaffee aus dem Discounter ausgeschenkt wird:

Wie begegnen wir dem? immer wieder hartnäckig bleiben, drauf aufmerksam machen, Produkte auch zum Probieren anbieten, es ist teilweise wirklich kein böser Wille dabei, bei anderen ist sicher das Bewußtsein ein ganz Anderes, wo es heißt, möglichst viel Spenden sammeln, wie bekomm ich das hin? Indem ich möglichst günstig einkaufe. 

Weil das nichts bringt, sagt Kathrin Hassemer ganz bestimmt. Ganz oder gar nicht, denke ich. Die studierte Wirtschaftspädagogin will auch mit ihrem ehrenamtlichen Engagement etwas erreichen. Nicht Klein-Klein denken. Kathrin Hassemer ist von ihrem Beruf her gewohnt, vernetzt zu denken. Deshalb hat sie auch die politische Gemeinde in das Thema „Fairer Welthandel" miteinbezogen: Gau Algesheim will Fair-Trade-Stadt werden. Die Präsentkörbe zu Jubiläen werden mit Waren aus dem Weltladen gefüllt. Und das Thema zieht immer weitere Kreise. Wer sich einmal mit Fairem Handel beschäftigt hat, sagt Kathrin Hassemer, der entdeckt viele Ungerechtigkeiten:

Es gibt hier in Gau Algesheim eine Initiative, auch der  Kirchengemeinden, sich gegen Grabsteine aus ausbeuterischer Kinderarbeit zu wehren. Dass man auch das im Auge hat, wo kommt denn jetzt der Stein her.  

Gerechtigkeit, das hat für Kathrin Hassemer ganz viel mit ihrem Glauben zu tun. Geht gar nicht anders, sagt sie, wenn ich Christus und seine Botschaft ernst nehme: 

 Er hat ja auch immer wieder Leute eingeladen, die außerhalb der Gesellschaft standen, denen es nicht so gut ging, er hat sich gerade um die gekümmert, er hat die Türen  geöffnet, auch über den eigenen Tellerand geschaut, könnte man heute sagen, ja der Nächste ist eben nicht nur der Nächste der direkt neben mir lebt, sondern der viele Kilometer entfernt lebt, in der einen Welt, um den ich mich auch kümmern muss.

 Persönliche Konsequenzen

Als ich Kathrin Hassemer treffe, denke ich: Diese Frau weiß, was sie will. Sie hat eine freundliche, offene Art, spricht aber sehr bestimmt über das, was ihr am Herzen liegen. In ihrem Beruf, bei einem großen Pharmaunternehmen arbeitet sie in der Mitarbeiterqualifizierung. Sie arbeitet gern mit Menschen zusammen und kann gut motivieren: 

Innerhalb unsres Teams machts auch sehr viel Spaß, natürlich auch herausfordernd, weil wir ganz unterschiedlich sind, und natürlich weil ich davon überzeugt bin, dass ich etwas Gutes tue für Menschen, aber nicht im Sinne von dass ich Almosen verteile, dass ich das wertschätze, was sie produziern und das entsprechend auch gut vertreten kann, das sind tolle Produkte, und von dem her setze ich mich sehr sehr gerne dafür ein 

Das heißt aber auch viele Abendstunden am Computer, Bestell-Listen ausfüllen, e-mails schreiben, sich über neue Produkte informieren und am Wochenende im Weltladen Dienst machen. Ihre Familie muss da natürlich mitziehen. Die vierjährige Tochter ist oft im Laden und bei Aktionen dabei. Logisch, dass sie sich zu einer kleinen Fairtrade-Expertin entwickelt hat: 

 Ihren eigenen Kaufladen hat sie auch immer als Weltladen bezeichnet, sie wächst mehr oder weniger im Weltladen mit auf, von dem her bekommt sie einiges mit.  

Dieses Engagement ist nur mit Unterstützung der Familie und einem gut funktionierenden Netzwerk zu stemmen. Aber nicht nur der zeitliche Aufwand macht sich bei Familie Hassemer bemerkbar. Kathrin Hassemer will konsequent sein. Aluminium-Fenster zum Beispiel oder Tropenholz auf der Terasse, das kann sie mit ihrem Gewissen nicht vereinbaren: 

 Und ich selbst bin schon ein sehr prinzipientreuer Mensch, das ist manchmal nicht so einfach, aber ich versuche schon sehr stark, wenn ich mich für ein Thema begeister´ und in dem Sinne auch unterstütze, dass ich mich dementsprechend dann auch verhalte, und grade bei dem Konsum ist es mir dann auch ganz wichtig.  

Das ist kein Wischi-Waschi. Ich spüre, Kathrin Hassemer will etwas verändern. Allerdings ohne erhobenen Zeigefinger, sondern aus echtem Interesse für die Menschen, die unter schlechteren Bedingungen leben als sie. Deshalb würde sie gerne mal nach Lateinamerika reisen und Kaffeeproduzenten vor Ort kennenlernen. Fairer Handel ist ihr Thema. Für die Zukunft wünscht sie sich: 

 Dass jeder die gleichen Chancen hat, nicht hungern muss, sondern wirklich für sich selbst und seine Familie sorgen kann, und auch entsprechend respektvoll miteinander umgegangen wird, mit Achtung voreinander.

  

 

 

https://www.kirche-im-swr.de/?m=14926