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SWR2 Wort zum Tag

Die kleine Paula bleibt im Religionsunterricht in der zweiten Klasse an einem Satz in ihrem Buch hängen: „Kann denn eine Mutter ihr Kind vergessen? Selbst wenn sie es vergessen würde: ich vergesse dich nicht." Ganz bewegt gestaltet sie mit diesem Satz eine Karte, sie schreibt und malt ganz eifrig. Paula kommt aus Kolumbien und ist von deutschen Eltern adoptiert worden. Sie hat zwar Fotos von sich als kleinem Kind und auch von ihrer -  wie sie es nennt - „Bauchmama", aber viel mehr  ist nicht mehr da. Und sie fragt sich oft, ob ihre Mama sie vergessen haben könnte.
Der Satz, der Paula so bewegt hat, stammt aus der Bibel. Er gehört in die folgende Geschichte: Das Volk Israel ist aus seinem Land verschleppt worden. Sie befinden sich im Exil und sind frustriert. Durch einen Propheten verspricht Gott ihnen in schönsten Bildern, dass er sich um sein Volk kümmert: Die Heimat wird wieder hergerichtet, das Land ist fruchtbar, das zerstörte Jerusalem prachtvoll wieder aufgebaut. Die Menschen finden überall Nahrung. Hunger und Durst sind kein Thema mehr. Gott führt sie zu sprudelnden Quellen. Er tröstet sie und kümmert sich um die Armen. Doch die Israeliten lassen sich nicht überzeugen, sie können es nicht glauben, weil ihre Situation in der Fremde so aussichtslos erscheint. Sie sagen: „Der Herr hat uns verlassen. Gott hat uns vergessen." . Und fast scheint es so, als sei Gott über die Reaktion der Israeliten enttäuscht. Etwas entrüstet antwortet er mit dem Versprechen, das Paula so berührt hat: „Kann denn eine Mutter ihr Kind verlassen? Und selbst wenn, ich verlasse Euch nicht."
Ich kann gut verstehen, dass es dem Volk Israel schwer fällt, dieser Botschaft zu glauben. Und auch heute gibt es genug Situationen, in denen Menschen nicht glauben können, dass ein Gott für sie da ist: wenn zu der einen schweren Krankheit noch eine weitere dazu kommt; wenn aus der ersehnten Festanstellung schon wieder nichts geworden ist, die Arbeitssuche wieder von vorn beginnt. Menschen haben es schwer, oft werden Pläne über den Haufen geworfen und Hoffnungen zunichte gemacht. Wie soll man da den Verheißungen Gottes glauben, das ist doch viel zu weit weg, utopisch.
Aber vielleicht ist es gut, sich an Paula zu orientieren: Das Versprechen ernst nehmen und fest damit rechnen, dass Gott mich nicht verlässt - auch wenn es manchmal so scheint. Für Paula war dieser Satz aus der Bibel ein Trost, den sie gut annehmen konnte, und so wichtig, dass sie auch noch in der nächsten Stunde an ihrer Karte weiter malen wollte: Gott vergisst mich nicht, er ist wie eine Mutter für mich da, ich bin sein geliebtes Kind.

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