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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Hast du auch ein sauberes Taschentuch eingesteckt?"
Die Frage hat meine Mutter fast jeden Morgen gestellt,
wenn wir in die Schule gegangen sind.
Ein sauberes Taschentuch,
das gehörte zur Grundausstattung für den Alltag.
Was heute die Visitenkarte ist,
das war früher mal das Taschentuch.
In meiner Erinnerung so groß wie ein Badetuch,
fein zusammengelegt
und unbedingte Voraussetzung
für einen guten Start in den Tag.
Egal ob man Schnupfen hatte, oder nicht,
ein Taschentuch,
ein Stofftaschentuch,
frisch gewaschen und gebügelt,
das gehörte in die Hosentasche.
Sonst war man nicht angemessen angezogen
und ungezogen.
Es war geradezu ein Ausdruck von Anständigkeit und Würde,
wenn man bei Bedarf ein sauberes Taschentuch vorweisen konnte.
Von der Taufe bis zur Beerdigung
spielten Taschentücher früher eine Rolle.
Die Paten verschenkten sie gerne mit Stickerei und Namenszug
und die Männer, die den Sarg zum Grabe trugen,
die hatten auch immer weiße Taschentücher dabei.
Man konnte mit ihnen winken und weinen.
Man konnte sie sich an heißen Tagen auf dem Feld
über den Kopf zusammen binden
und bei Zahnschmerzen das Gesicht damit verpacken.
Und,
man konnte sich einen Knoten hinein machen.
Ein Knoten im Taschentuch,
das war eine Gedächtnisstütze,
ein Erinnerungsinstrument.
„Ich mach mir einen Knoten ins Taschentuch!",
damit ich in dem Moment,
in dem ich es aus der Tasche ziehe,
daran denke,
an mein Versprechen,
an meinen Auftrag,
an meine große Liebe
Weil der Mensch halt so vergesslich ist.
Das steht schon in der Bibel so oft.
Man kann gar nicht so viele Knoten machen,
wie man bräuchte,
um das zu ändern.
Darum spielt die Bibel auch ständig memory mit den Leuten
und sagt:
Vergesst nicht!
Vergesst Gott nicht
und was er Euch schon Gutes getan hat!
Ein Knotenpunkt fürs gute Gedächtnis.
Das brauchen wir.
Schon in der Hochkultur der Inkas von Südamerika
kannte man die so genannte Knotentechnik.
Mit verschieden geknüpften Fäden und Knoten hielt man damals schon
das ganze Grundwissen für Wirtschaft und Politik fest,
machte es sozusagen die Welt begreifbar
im wahrsten Sinne.
Sich mit einem Knoten etwas merken,
das ist also alter Brauch und bewährte Methode.
Und wofür würden sie heute
Einen Knoten ins Taschentuch machen?

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