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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Davor zieh ich meinen Hut!"
Das sagt man so,
wenn man Respekt und Hochachtung empfindet
vor einem Menschen,
vor seiner Leistung
und vor seinem Erfolg.
In Wirklichkeit aber ziehen wir heute keine Hüte mehr.
Das ist fast ausgestorben.
Früher,
also im letzten Jahrtausend,
wenn ich da mit meinem Großvater durchs Dorf gegangen bin,
dann sind wir kaum vorwärts gekommen,
weil er vor Jedermann,
der uns begegnet ist,
den Hut gezogen hat.
Und den Hut,
den zieht man nicht einfach so
im Vorübergehen.
Da ist er stehen geblieben,
zumindest einen kleinen Moment,
hat grüßt,
zugenickt,
hat nachgefragt wies geht und steht
in Stall und Haus
und Feld und Flur.
In meiner Erinnerung hat das
gefühlte Ewigkeiten gedauert,
bis wir dann endlich beim Bäcker
oder auf der Post angekommen sind.
So viele gezogene Hüte
habe ich seitdem nie mehr gesehen.
Mein Großvater und seine Altersgenossen
haben sie alle mitgenommen in den Himmel.
Dort hängen sie jetzt an der göttlichen Garderobe
und kein Mensch fragt mehr danach.
Schade um diese eindrucksvolle Art und Weise,
sich so eindrucksvoll gegenseitige Wertschätzung
und Aufmerksamkeit zu schenken.
Denn nur wer sich geschätzt und geachtet fühlt,
ist selbst auch behütet
kann auch viel leisten
und womöglich alles unter einen Hut bringen.
Das könnte uns womöglich besser gelingen,
wenn wir wieder
neue Signale der aufmerksamen Beachtung erfinden würden
Erklären wir doch diesen Dienstag kurzerhand zum
Tag der unsichtbar gezogenen Hüte.
Und gehen wir wieder einmal etwas bedachtsamer
durch die Straßen und Gassen.
Sagen:
„Grüß Gott!"
zueinander
und ziehen erst
innerlich den Hut
und dann weiter.

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