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SWR3 Gedanken

Ich kenne ihn seit Jahren.
Immer wieder hat er mir die Geschichte seines Lebens erzählt,
von allem was ihn verletzt hat:
der Tod des Vaters,
der Stiefvater,
die Schläge.
Wie er angefangen hat mit den Drogen.
Ich kannte ihn benommen und so stoned,
dass ihm beim Essen die Augen zufielen
und er auf dem Stuhl wankte.
Manchmal war er laut,
andere haben sich beschwert.
Aber er selbst hat sich nicht mehr gespürt
und hatte keine Ahnung,
dass er anderen auch Angst machte.
Jetzt ist es ganz anders mit ihm
Die Augen sind klar und sehen mich immer lächelnd an,
er geht aufrecht und ohne jedes Wanken,
beschwert sich weil er erkältet ist.
Jeden Tag kommt er zu uns zum Essen in die Kirche,
freut sich und unterhält sich
erzählt auch von seinen Sorgen und wie er die jetzt Stück für Stück angeht.
Sein Blick ist klar,
er macht Anderen Komplimente, bedankt sich höflich
und ist voller Freundlichkeit.
Ein sanfter Mann, sehr empfindlich.
Er ist einer von denen mit den zarten Herzen,
dünnhäutiger vielleicht als andere.
Einer den das Leben leichter aus der Bahn schmeißt.
Es gibt die zartherzigen und es gibt die hartherzigen -
dieser ist zartherzig.

Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!
Saget den verzagten Herzen:
Seid getrost fürchtet euch nicht!
Seht, da ist euer Gott.
Gott kommt und wird euch helfen.

So steht es im Trostbuch des Propheten Jesaja
Wie er das geschafft hat,
dass es ihm jetzt so viel besser geht, will ich wissen.
„Ich war im Knast, Entzug halt"
sagt er, grinst zufrieden, und freut sich immer noch.
Wankt nicht und verzagt nicht.
Nicht heute.

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