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SWR2 Wort zum Sonntag

Zu einem menschenwürdigen Zusammenleben gehört das freie Wort. Jeder Mensch muss auch öffentlich das sagen können, was ihn besonders im Blick auf die Gestaltung unseres Gemeinwesens bewegt. Dass hier die Grenzen des Anstandes gegenüber den Mitmenschen beachtet werden müssen und auch Klugheit nötig ist, versteht sich fast von selbst. Gerade die Demokratie als Form unseres gesellschaftlich-politischen Zusammenlebens braucht dieses freie Wort. Darum gehören die Kunst des Redens und die Auseinandersetzung um den besseren Weg in einer Gesellschaft bereits im vorchristlichen Griechenland zu den Grundpfeilern der Demokratie.
Es ist nicht überraschend, dass dieses freie Wort auch missbraucht werden kann. Die Kunst der Rede,die Rhetorik, ist schon seit alter Zeit nicht nur die Kunst der Beredsamkeit im Sinne einer auch ästhetisch schönen und gefälligen Rede; auch bei Verhandlungen, ob vor Gericht oder im Zusammenhang von Verträgen, ist die Redekunst wichtig. Aber wir wissen auch, wie rasch der legitime Versuch, jemand von etwas zu überzeugen, zum Überreden wird. Mit Kunstgriffen kann man auch bei den Hörern ein bestimmtes Ziel erreichen. Wir wissen alle, wie viel Gewicht das „Pathos" in der Rede gewinnen kann. Schon die Antike wusste sehr gut, wie man ein „schwaches" zu einem „starken" Wort machen kann. Der Weg zur Manipulation ist nicht weit. Im Zeitalter der Massenmedien lassen sich solche Künste der Beeinflussung noch sehr viel wirkmächtiger benutzen. 
In Zeiten, wo es um politische Mehrheitsentscheidungen geht, kommt es in besonderer Weise auf die Art und Weise an, wie man bei strittigen Dingen das freie Wort benutzt. Es gibt dabei nicht nur psychologisch raffinierte Überredungskünste. Man kann auch geschickt über weniger offenkundige Probleme hinwegreden. Man kann auch das Schweigen für seine eigenen Ziele einsetzen. Eine neue Stufe erreicht der Gebrauch des freien Wortes freilich dann, wenn man Halbwahrheiten verkündet, andere Programme schief darstellt und vor allem nicht bloß gegnerische Positionen, sondern auch alternative Herausforderer in ein schlechtes Licht rückt. In solchen Fällen können Worte nicht nur sehr verletzend und ehrabschneidend sein, sondern sie können den guten Ruf anderer Menschen total in Frage stellen. In diesem Sinne können Worte auch regelrecht töten.
Man konnte in den Auseinandersetzungen aus jüngster Zeit leicht bei umstrittenen Themen solchen Missbrauch feststellen, z. B. in der Auseinandersetzung um die Umbaupläne des Stuttgarter Hauptbahnhofs, in der Debatte um den Ausbau des Nürburgringes, in manchen Zwischenrufen zum Thema „Beschneidung", erst kürzlich wieder in der Auseinandersetzung um das so genannte „Betreuungsgeld", als ob dieses nur für das „Heimchen am Herd" oder gar „schwachsinnig" sei.
In diesem Zusammenhang ist es gut, auf sehr nüchterne Worte der Bibel zu achten. Man kann sie auch in anderen Sprachen und Kulturen finden. Ich wähle den Brief des Jakobus aus dem Neuen Testament, wo es heißt: „Jeder Mensch soll schnell bereit sein zu hören, aber zurückhaltend im Reden und nicht schnell zum Zorn bereit; denn im Zorn tut der Mensch nicht das, was vor Gott recht ist." (1,19f.) „Wer meint, er diene Gott, aber seine Zunge nicht im Zaun hält, der betrügt sich selbst, und sein Gottesdienst ist wertlos." (1,26) „So ist auch die Zunge nur ein kleines Körperglied und rühmt sich doch großer Dinge. Und wie klein kann ein Feuer sein, das einen großen Wald in Brand steckt. Auch die Zunge ist ein Feuer, eine Welt voll Ungerechtigkeit. Die Zunge ist der Teil, der den ganzen Menschen verdirbt und das Rad des Lebens in Brand setzt." (3,5ff.) Wäre es nicht dem Frieden auf allen Ebenen förderlich, wenn wir diese Worte mehr beachten würden, gerade auch wenn ein Jahr mit mehreren politischen Wahlen auf uns zukommt?

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