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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

"Wenn der Tod, den wir sterben, vom Leben singt ..." - so heißt es in einem modernen Kirchenlied. Merkwürdig: Kann denn der Tod singen?
Tanzen kann er immerhin. Auf vielen alten Bildern kann man den so genannten Totentanz sehen. Furchterregende Gerippe zwingen die Menschen, mit ihnen zu tanzen. Ein Bild für unsere Angst vor dem Tod.
"Wenn der Tod, den wir sterben, vom Leben singt ..."
Wie kann der Tod vom Leben singen? Wird hier nicht der Bock zum Gärtner gemacht?
Das Lied lädt dazu ein, in eine andere Richtung zu schauen. Gewiss, wir müssen immer wieder Abschied nehmen. Das macht traurig. Doch wenn der Tod vom Leben singt, dann schaue ich nicht nur auf meine Trauer, sondern frage mich: Ist es nicht wunderbar, dass ich lebe? Ist es nicht wunderbar, dass der Mensch, den ich lieb gehabt habe, gelebt hat? Wie wunderbar ist es, dass es überhaupt Leben gibt!
Wenn das Leben endlos wäre, könnten wir das vielleicht nicht so spüren.
Der Tod singt. Der, von dem wir es am allerwenigsten erwarten. Der so zum Angsthaben und Davonlaufen ist.
Er singt vom Leben. Von all dem Kostbaren, das wir haben. Morgen schon könnte es zu Ende sein. Darum ist jeder Atemzug so unendlich wertvoll. Jeder unnötige Streit und alle Hektik eine solche Vergeudung.
Ob es mir diese Woche gelingt, mich daran immer wieder einmal zu erinnern? Ob ich überhaupt hinhören kann, wenn mir der Tod davon singt, wie kostbar das ist, was jetzt gerade ist?
Sie und ich, wir können es versuchen. Gelegenheit dazu wird es genug geben. Der graue November ist die perfekte Kulisse für trübe Gedanken! Aber in all diesem Grau in Grau kann auch der Tod vom Leben singen. Vom Leben, das auch mitten im grauen November so wunderbar sein kann. Mich verlockt das, innezuhalten, mich umzuschauen. Ein paar Atemzüge bewusst wahrzunehmen. Aufmerksam die Gesichter um mich herum zu betrachten. Zu entziffern, was sie über das Leben wissen.
Das Lied geht übrigens so weiter: "Wenn der Tod, den wir sterben, vom Leben singt, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt. Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht in der Liebe, die alles umfängt."

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