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SWR4 Abendgedanken

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Nicht selten werden diese Worte noch mit einem Strauß Blumen geschmückt. Und wenn beides, die Worte und die Blumen, von Herzen kommen, dann bedeutet das: ich mag dich, du bist mir lieb. Und ich möchte Anteil nehmen an deinem Leben.
Ganz andere Blumen habe ich auf einer Studentenfreizeit im Sommer bekommen. Während der Tage gab es Vorträäge und Diskussionen rund um das Thema Müll und uns allen wurde klar: wir sind verantwortlich füür das, was wir wegwerfen. Eine Gruppe von Studenten wollte sich dann nicht damit zufrieden gegeben, dass Müll einfach nur unnütz und unbrauchbar ist. Es wurde beraten, geschaut, gebastelt, experimentiert... Und am Ende des Tages die Überraschung: auf den Tischen im Gruppenraum standen Blumen -- Blumen in weißn Vasen gemacht aus Müll! Die Studenten hatten farbige Plastikstreifen zu Blüten geformt und bunte Kronkorken in die Mitte gesetzt. Strohhalme und grüne Folie mit Draht umwickelt -- das waren die Blumenstengel; grünes Papier wurde zu Blättern. Und dann leuchteten Klatschmohn und Rosen, Lilien und Narzissen. Alles aus Müll. Ich war begeistert: was weggeworfen wurde und unbrauchbar schien, war auf einmal ansehnlich und wertvoll. Blumen aus Müll -- das fand ich mutig.
So ein Müll-Blumenstraußß, das wär auch mal was für einen Geburtstag. Ab dem 70. ´´ten bräuchte man nämlich Mut . Zum Älter werden -- meint unser Nachbar, der da aus Erfahrung spricht. Doch ich finde, das gilt schon vorher. Neben dem, was mich glücklich macht, was mein Leben bereichert und mich dankbar sein lässt, gibt es in jedem Lebensjahr auch Schattenseiten, Dinge, die nicht gut gelaufen sind, die ich vielleicht gerne wie unliebsamen Müll wegwerfen würde: Schicksalsschläge, die mich belasten, Entscheidungen, die ich gerne rückgängig machen würde, Fragen, die offen geblieben sind. Wie kann ich damit gut umgehen? Lohnt es sich auch die Schattenseiten eines Jahres anzuschauen? So wie die Studenten mit Mut und Aufmerksamkeit? Kann auch daraus etwas entstehen, was auf einmal ansehnlich und wertvoll ist?

Der Theologe Dietrich Bonhoeffer war davon überzeugt und schreibt: „„Ich glaube, dass Gott aus allem Gutes entstehen lassen kann und will. Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden als mit unseren sogenannten Guttaten. Ich glaube, dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet."" Das ist vielleicht kein Blumemstraußß. Aber ein Bekenntnis, dass Gott Anteil nimmt an den Höhen und Tiefen meines Lebens. Und das gilt für Geburtstage und alle Tage im Jahr.

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