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SWR4 Sonntagsgedanken

Eine Frau hat mir von einer schweren Krankheit erzählt, unter der sie leidet. Der Arzt hat gesagt, sie sei unheilbar. Ihr Mann hat sie kurz nach der Diagnose verlassen, die Tochter lebt im Ausland. Freundinnen hat sie nicht. Die Frau hat sich dieselben Fragen gestellt wie viele andere Menschen in einer vergleichbaren Situation: Bin ich womöglich selber schuld? Was habe ich falsch gemacht? Will Gott mich prüfen - oder bestrafen?
In unserem Gespräch habe ich die kranke Frau nach den Nachbarn gefragt. „Naja", hat sie geantwortet, „die sind schon ganz nett. Man kennt sich hier im Haus und grüßt den anderen. Aber das war es auch schon." Und dann erzählt sie, was sie seit gut einer Woche enorm belastet: der Besuch einer Nachbarin, mit der sie sich eigentlich immer recht gut verstanden hat. Doch an jenem Tag meinte sie allzu selbstgerecht: „Dass du so leiden musst, ist deine eigene Schuld. Gott straft dich für irgendetwas. Du musst Buße tun!"
Da war die Frau richtig schockiert. Ich denke: Das ist mehr als verständlich. Ihre Selbstzweifel werden größer, quälen sie. „Ist vielleicht etwas dran an dem, was sie mir da an den Kopf geworfen hat?", fragt sie sich. Aber so sehr sie auch nachdenkt, sie kann einfach nichts finden, was die Ursache für ihr Leid sein könnte. Und selbst wenn da etwas wäre: Wäre es dann Gottes Wille, dass sie nun so krank ist? Die Frau sagt jedenfalls: „Ich habe im Rückblick auf mein Leben ein reines Gewissen, habe immer versucht, anderen gerecht zu werden, und selbst zurückgesteckt. Eine Strafe Gottes? Das kann doch nicht sein! Oder etwa doch?"
Mir scheint: Dass wir Menschen so fragen, ist ganz normal, denn so sind wir eben: Wir fragen nach Ursachen und Wirkungen, nach Schuld und Verantwortung. Aber im Grunde hilft das ja gar nicht weiter.
Ich glaube: Was in einer solchen Situation weiterhelfen könnte, ist ein Blick auf Jesus und darauf, wie er mit Kranken umgegangen ist: Er hat nicht nach Schuld gefragt. Oder er hat Schuld vergeben. Das hat die Menschen damals tief beeindruckt, hat sie befreit von ihren dunklen Gedanken und ihnen einen Neuanfang ermöglicht.
Kein Fehler, den wir Menschen machen, keine Sünde, die wir begehen, kann so groß sein, dass Gott uns auf diese Weise bestraft. Ich finde, das tröstet angesichts von Kummer und Selbstvorwürfen. Das habe ich auch der kranken Frau gesagt, die sich mit Vorwürfen und Fragen quält.
Mir ist dann noch ein Gebet aus der Bibel eingefallen, der 103. Psalm. Den habe ich auch mit der Frau gebetet, inmitten ihrer scheinbar ausweglosen Situation. Dieses Gebet geht so:

Lobe den Herrn, meine Seele,
und was in mir ist, seinen heiligen Namen!
Lobe den Herrn, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:
der dir alle deine Sünde vergibt
und heilet alle deine Gebrechen,
der dein Leben vom Verderben erlöst,
der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
Barmherzig und gnädig ist der Herr,
geduldig und von großer Güte.
Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden
und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.
Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt,
so erbarmt sich der Herr über die, die ihn fürchten.

Als ich „Amen" gesagt habe, habe ich Tränen in den Augen der kranken Frau gesehen. Die Worte des Psalms haben sie tief bewegt. Sie weiß ja, dass sie sterben muss. Aber diese Worte geben ihr Kraft, hat sie gesagt. Beim Beten hat sie gespürt, dass sie trotz ihrer Krankheit gut aufgehoben ist. Das, was sie so sehr gequält hat, hat nun nicht mehr den Stellenwert, den es vorher hatte. Die Trauer ist nicht mehr das einzige, was in ihrem Leben zählt. Mit den Worten des Psalms im Ohr verspricht sie mir, sich nicht aufzugeben, sondern sich jeden Tag einen kleinen, aber lang gehegten Wunsch zu erfüllen. Dazu gehört auch, die Dinge gerade zu rücken, die jetzt noch schief sind: den ersten Schritt zu machen und das Gespräch mit der Tochter zu suchen, auch mit der Nachbarin. Die kurze Zeit, die sie noch hat, zu nutzen: für Gespräche, für Unternehmungen, bei denen sich nicht alles um die Krankheit dreht. Sie will versuchen die Krankheit anzunehmen, hat sie gesagt, mit ihr leben zu lernen, trotz der Krankheit einen Neuanfang zu wagen und jeden Tag als ein Geschenk zu betrachten.
Mich hat die kranke Frau sehr beeindruckt. Gerade jetzt im November, wo die Feiertage an Vergänglichkeit, Sterben und Tod erinnern: Unser Leben ist endlich.
Aber ich glaube wie der Beter des 103 Psalms: Barmherzig und gnädig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. Deshalb ist kein Leben bedeutungslos, egal wie es aussehen mag. In den Augen Gottes hat jedes Leben einen Sinn, auch wenn es manchmal schwer ist, ihn zu erkennen.
Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche!

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