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SWR2 Wort zum Tag

Kirche bei Nacht? Das kennen die meistens höchstens von nächtlich angestrahlten Kathedralen und Domen. Wenn starke Lichter die Fassaden erhellen. Einmal in Jahr aber öffnen viele Kirchen nachts ihre Türen. Wenn es wieder heißt: Nacht der offene Kirchen. In vielen Städten und Gemeinden in Deutschland hat diese Nacht schon Tradition. Christliche Gemeinden laden bis Mitternacht oder sogar darüber hinaus zu Veranstaltungen, Konzerten, Andachten und Gottesdiensten ein. Da eröffnen sich in altbekannten Kirchenräumen neue Einblicke und Ausblicke. Denn viele Gemeinden gestalten in dieser Nacht ihre Kirchen ganz neu: Lichtspiele erhellen die dunklen Winkel, Wasser fließt durch den Mittelgang, Kerzen auf dem Boden legen Spuren in unbekannte Ecken der Kirche.
Mich hat die Nacht der offenen Kirchen an einen Kinofilm erinnert. »Nachts im Museum« heißt er. Er spielt in einem Naturkundemuseum. Tagsüber ist das ein ganz normales Museum, nachts aber werden die ausgestellten Tiere lebendig, das Dinosaurierskelett rast durch die Gänge, die Nachbildungen der Römer, Indianer und Piraten verlassen ihre Glasvitrinen und ziehen durch die Säle. 
In der Nacht der offenen Kirchen passiert ähnliches. Sicher, die Heiligenfiguren bleiben in aller Regel auf ihrem Sockel steht. Aber sonst kommt hier vieles in Bewegung. Vor allem in einem selbst. Ich habe das erlebt. Die Kirche, die ich gut kenne, sie sieht plötzlich ganz verwandelt aus. Das Licht verändert sie. Die Decke verschwindet im Dunkel - und dafür sehe ich zum ersten Mal, wie der Raum an der Orgel aussieht. Ich werde ruhig, setze mich in eine Bank, fange an nachzudenken. Über mein Leben, meinen Glauben. Bei Nacht sieht beides anders aus. Ich sehe die Schattenseiten und die hellen Momente deutlicher vor mir. Kein Wunder: Die Nacht, das Dunkel ist ein wichtiger Raum für Entscheidungen, für Veränderungen. In der Nacht reifen Erkenntnisse, Träume werden ausgesponnen. In der Nacht stirbt der alte Tag - und der neue kommt.
Mir tut diese Nachtmeditation gut. Auch wenn sie nicht unbedingt den Kirchenraum braucht. In der Nacht zu sich zu kommen, das gelingt auch unter einem Sternenhimmel, beim nächtlichen Spaziergang im Wald, zu Hause in einer dunklen Ecke. Und immer ist am Horizont der neue Morgen zu sehen.

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