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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Vier Tage war ich weg. Als ich wieder kam, traute ich meinen Augen nicht: Das große Haus an der Ecke war verschwunden. Einfach abgerissen! 
Frau Werner hat ihr ganzes Leben darin verbracht. Erst als Kind mit ihren Eltern, dann mit ihrem Mann und den vier Kindern. Und zuletzt hat sie allein darin gewohnt. Für das Haus hat sie geschuftet und gespart. Sie hat es geputzt und renoviert, darin geschlafen und gearbeitet, gestritten und gelacht. Frau Werner ist Anfang des Jahres gestorben. In den letzten Jahren war sie fast blind. Trotzdem hat sie sich im Haus zurecht gefunden; sie wusste, wo alles zu finden war. Und jetzt ist das Haus weg. Einfach weg. Das ganze Grundstück ist nur noch ein Acker. Bald wird hier wieder gebaut. Ein Schild verweist bereits auf tolle Eigentumswohnungen der Extraklasse. Ich bin aber mit meinen Gedanken noch bei Frau Werner. Stelle mir vor, was sie in diesem Haus alles erlebt hat: Geburtstagsfeiern und Kissenschlachten, Streitereien und Wasserrohrbrüche, glückliche Zeiten und einsame Tage.
Sie hat nächtelang bei den kranken Kindern am Bett gesessen, sie hat sich über die neue Arbeitsstelle mit ihrem Mann gefreut, unzählige Kuchen für alle möglichen Feste gebacken, so lange es ging Gäste bewirtet. Und manches Mal hat sie auch die Tür laut zugeschlagen, wenn es ihr zu viel wurde. Selbst, wenn das Haus jetzt verschwunden ist: All das bleibt! Es bleibt das Leben, das in den vier Wänden geteilt wurde. Die Erfahrungen, die sie an ihre Kinder weiter gegeben hat. Der Trost, den sie gespendet hat. Es bleibt die Liebe, die sie verbreitet hat. Das hat das Haus wertvoll und einzigartig gemacht. Und das wirkt weiter, selbst wenn Mauern und Wände abgerissen und die Steine weggeräumt sind.

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