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SWR2 Wort zum Tag

Freunde kann man sich nicht kaufen. Und man kann über sie nicht verfügen. Man kann - recht verstanden - auch keine Freundschaften erklären. Denn Freundschaften entstehen aus Begegnungen. Sie erwachsen aus Beziehungen. Und das braucht Zeit.
Freundschaften haben eine Geschichte. Und sie bewähren sich im Angesicht dieser Geschichte. Wer zu einem hält, wenn es prekär wird, der tut dies, weil es da eine Beziehung gibt, die über lange Zeit gewachsen ist; eine gemeinsame Geschichte, die verpflichtet - eine Zuneigung, eine Freundschaft, vielleicht sogar Liebe.
Der Psalmbeter des 91. Psalms macht eine befreiende Erfahrung: Gott verspricht ihm Rettung in einer notvollen Lage. Der Beter zitiert hier Gott. Er zitiert, wie sich Gott zu ihm bekennt in schwierigen Zeiten: „Er liebt mich - darum will ich ihn erretten. Er kennt meinen Namen, darum will ich ihn schützen." So spricht Gott, und der Psalmbeter gibt wieder, was er von Gott vernommen hat. Er hört eine Freundschaftszusage.
Seinem Gebet geht eine Beziehung voraus. Derjenige, der da betet, kennt den Namen Gottes. Er betet den Gott Israels als seinen Herrn an. Er fragt nach Gottes Willen für seine Lebensgestaltung. Er ruft Gott um Hilfe an, weil er seine Hoffnung auf ihn setzt. Und er vertraut fest darauf, dass Gott ihn nicht im Stich lassen kann. Es gibt ja eine lange Beziehung zwischen ihm und Gott. Und Gott lässt sich von dieser Beziehung in die Pflicht nehmen. Das ist die Botschaft, die der Psalmbeter von Gott hört; vielleicht als innere Stimme, vielleicht als Traumbild, wie auch immer. So kann er sich auf Gott verlassen, wenn es ernst wird. Weil eine Beziehungsgeschichte voraus geht.
Ich glaube nicht, dass Gottes Liebe an menschliche Voraussetzungen gebunden ist. Gott kann Menschen gegenüber auch dann seine Liebe erweisen, wenn diese ihn vergessen oder sogar verleugnen. Ich weiß auch, dass Gottes Nähe von denen, die nach ihm fragen, nicht immer erfahren wird.
Die Erfahrung des Psalmbeters ist eine andere: Wo er Gott sucht, da lässt der sich auch von ihm finden. Wo er Gott vermisst, da beruft er sich umso hartnäckiger auf die Beziehung zu ihm - und bekommt Antwort und Bestätigung. Vielleicht kann dies Mut machen, sich in bedrückenden Zeiten an Gott zu wenden - nachdrücklich und penetrant - und auf ihn zu hoffen wie auf einen Freund.

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