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SWR2 Wort zum Tag

Im Urlaub habe ich einen Abstecher nach Bayreuth gemacht. Zum Festspielhaus: Einfach mal schauen. Und dann gerate ich hinein in eine Ausstellung, die mich tief berührt hat. Und die mich seither immer wieder fragen lässt:
Wird diese Versuchung nie verschwinden, Menschen in rein und unrein einzuteilen?
Direkt am Fuß des Festspielhauses, im Park ist die Ausstellung aufgebaut. „Verstummte Stimmen. Die Bayreuther Festspiele und die Juden von 1876 bis 1945." Um die Büste von Richard Wagner gruppiert stehen mannshohe graue Stelen. Wie Bewunderer, aber auch wie leibhaftige Fragen stehen sie vor Wagner. Auf jeder Stele ein Foto, ein Name, eine erfolgreiche Künstlerbiographie. Aber alle abgebrochen. Entweder ist der Künstler selbst geflüchtet wie der Choreograph Kurt Jooß. Als „mosaischen Tempeltänzer" hat man ihn diffamiert.
Oder der Künstler wurde nicht mehr besetzt von Cosima oder Siegfried Wagner. Arnold Rosé z. B. Schon 1895 schreibt man in Bayreuth über ihn. „Wenn Rosé nicht kommt, so ist's kein großer Schaden. Ein Jud weniger." Die Ausgrenzung beginnt nicht erst 1933 von Seiten des NS Staats. Sondern viel früher. Freiwillig, aus eigenem bürgerlichem Antrieb.
Vor allem: Die Verdrängung von jüdischen Künstlern sollte Wagners Werk dienen. Und das ist für mich das Beklemmendste dieser Ausstellung: Wagner und seine Nachfolger hatten hohe bürgerliche Ideale: Sie wollten reine Kunst schaffen. Mit Tiefe und Seele. Und mit diesem Ideal der Reinheit haben sie auch Menschen überzogen: Jüdischen Künstlern sei diese Reinheit nicht gegeben. Sie hätten keine Tiefe, keine tiefe Seele. Und so hat man sie aus der Wagnerschen Kunst verbannt. Man wollte Reinheit und hat sich genau dadurch beschmutzt. Schuldig gemacht.
Beim Nachdenken über dieses Paradox hat sich mir ein Wort Jesu aufgedrängt. Es heißt: „Was von außen in einen Menschen kommt, kann ihn nicht unrein machen, was den Menschen unrein macht, ist das, was aus ihm kommt, aus seinem Herzen."(Mk. 7,15).
Für mich ist dieses Wort wie ein Schlüssel zur Ausstellung, auch in die Zukunft. Sie zeigt: Wenn man selber ganz sauber sein will. Wenn man reine Lehren, kulturell oder ethnisch reine Nationen, heilige Kirchen schaffen will. Das ist gefährlich. Wenn man glaubt, man könnte Menschen einteilen in rein und unrein, wenn man andere als „schmutzig, minderwertig, als nicht aufgeklärt" brandmarkt und sich dieser „dunklen" Seiten entledigen will, dann wird man Opfer produzieren.
Und ist in der Gefahr, dass man dadurch seine hellen Ideale, seine guten Ziele und sich selbst beschmutzt.

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