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SWR4 Sonntagsgedanken

In diesen Wochen beginnt für viele junge Menschen ein neuer Lebensabschnitt.
Anfang September starten sie mit ihrer Berufsausbildung. Und im Oktober geht es für die Studienanfänger los. Vorausgegangen sind viele Überlegungen.
Welche Begabungen hab ich? Was interessiert mich? Womit möchte ich mein Geld verdienen und vielleicht Karriere machen? Junge Menschen haben heute eine große Auswahl an Berufs- und Studienmöglichkeiten.
Das macht es nicht einfacher. Wer viele Optionen hat, kommt in Entscheidungsdruck. Hab ich jetzt das richtige Fach belegt? Ist die Berufsausbildung auch wirklich passend für mich?
Großeltern erinnern sich, wie es bei ihnen früher war. Da nahm man, was gerade frei war. Froh, wenn es überhaupt einen Ausbildungsplatz gab. Wählerisch konnten sie nicht sein. Viele haben sogar ein Leben lang der Firma, bei der sie einst gelernt hatten, die Treue gehalten.
Den richtigen Beruf finden und in der Arbeit glücklich und erfüllt werden, ist immer ein menschlicher Wunsch gewesen. Wobei das Recht auf freie Berufsauswahl noch ein sehr junges Recht ist.
In der Bibel kannte man es noch nicht.
Gearbeitet wurde damals hauptsächlich in der Landwirtschaft und im Handwerk.
Die Arbeit mit dem Ackerboden war die Grundaufgabe des Menschen. Von Gott selbst stammte der Auftrag, den Garten Eden zu bebauen und zu bewahren. Der Mensch muss arbeiten, damit er existieren kann. Gott selbst arbeitete, als er die Welt erschuf.
Die Arbeit wird in der Bibel überaus positiv gesehen. Es gehört zum Menschsein dazu.
Zugleich wissen die Menschen auch um die Anstrengung und die Last, die Arbeit mit sich bringen kann. „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen", sagt Gott zu Adam vor der Vertreibung aus dem Paradies.
Daran hat sich nur wenig geändert. Arbeit kann immer Erfüllung und Mühsal sein, beides.
Das ist nichts ungewöhnliches, sondern ziemlich normal. In dieser Spannung leben wir, solange wir arbeiten.
Ich finde es nicht immer leicht, das auszuhalten. Da kommt dann schon mal die Frage: Soll ich weiter auf die Zähne beißen oder ist das erträgliche Maß schon überschritten? Ist das einfach so, dass man auch Ungeliebtes machen muss oder sind die Weichen grundsätzlich falsch gestellt? Arbeit soll ja schließlich Spaß machen und der Beruf mehr sein als ein Job. Oder ist das zu viel verlangt?
Ich glaube, dass viele Menschen heute diese Frage ziemlich umtreibt. Und die Jungen, die jetzt durchstarten, wollen da für sich eine Antwort finden.
Arbeit kann restlos erfüllend sein, so dass ich gar nicht merke, wie die Zeit vergeht.
Mein Beruf schenkt mir viele befriedigende Erlebnisse. Und weil ich arbeite, kann ich auch meinen Kühlschrank füllen, in Urlaub fahren und anderen noch was Gutes tun. Vieles von dem, was ich tue, macht Sinn in meinen Augen.
Aber ich kenne auch die andere Seite. Frust, Überlastung, Reibereien - die Kehrseite und Mühsal des Arbeitslebens.
Kann man das überhaupt: ein Leben lang einen Beruf mit Hingabe und Leidenschaft ausüben.
Nicht die Stunden absitzen, sondern brennen. Aus dem Job eine Berufung werden lassen?
Andrea und Jürgen sind meine Tanzlehrer. Seit 30 Jahren sind sie ein Paar und leiten eine große Tanzschule. Generationen von Jugendlichen haben sie für das Tanzen begeistert, für manche von ihnen ist die Tanzschule sogar zu einer Art Ersatzfamilie geworden. Ich bin immer wieder beeindruckt, mit welcher Passion sie ihren Beruf ausüben.
Und es ist ja mehr als nur das Beibringen von Standardtanzschritten. Sie haben die Begabung, Menschen Wertschätzung zu vermitteln. Auch den Tolpatschigsten unter ihnen. Ihr Beruf ist Berufung für sie. Sie wollen etwas verändern. Launen bessern, Haltung einüben, Stärken hervorkitzeln, Lächeln in Gesichter zaubern und anmutige Grazie beibringen. Sie gehen ganz in ihrer Tanzberufung auf. Und wissen zugleich um die überlebenswichtigen Ruhephasen im Jahr, um nicht auszubrennen.
Bei Andrea und Jürgen ist der Beruf mehr als ein Routine-Job. Sie leben ihre Berufung, auch wenn das manchmal knochenhart sein kann.
Beide sind keine Kirchgänger. Sonntagvormittags leiten sie Kurse. Aber könnte es nicht sein, dass sie auch Gott dienen, weil sie so hingebungsvoll ihren Beruf leben?
Martin Luther jedenfalls war der festen Überzeugung, dass Arbeit nicht nur lästige Pflicht ist, sondern etwas, womit der Mensch Gott dient. Er sah jegliche Arbeit eines Menschen als Gottesdienst an.
Meine Arbeit als Pastorin genauso wie die des Handwerkers. Und warum nicht auch die Arbeit des Computerspezialisten und der Tanzlehrer oder der Familienfrau.
Wenn die jungen Menschen in den nächsten Wochen mit Berufsausbildung und Studium beginnen wird nicht jeder Tag superspaßig sein. Es kann langweilig werden oder überfordernd, nicht immer bekommt man einen verständnisvollen Chef und nette Kollegen. Das erste Geld ist nicht leicht verdient.
Aber mit der Einstellung zum Arbeiten und zum Studieren kann ich schon ganz viel selbst steuern. Bekommt das, was ich tue, und auch manchmal lustlos tun muss, nicht eine besondere Würde, weil ich damit Gott diene?
Martin Luther sagt es so: „Wenn du eine geringe Hausmagd fragst, warum sie das Haus kehre, die Schüsseln wasche, die Kühe melke, so kann sie sagen: Ich weiß, dass meine Arbeit Gott gefällt, weil ich sein Wort und Befehl für mich habe."
Schön wär's, diese Berufung in jeder Tätigkeit zu finden. Ich wünsche es Ihnen und mir.

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