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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

„Ich glaube nicht an Gott - aber er hat mir immer geholfen." Dieses schräge Glaubensbekenntnis sagt mir ein alter Mann im Pflegeheim. Er überblickt sein langes Leben und ist mit dem Ergebnis durchaus zufrieden, nicht zuletzt weil ihm der Gott, an den er nicht glaubt, immer geholfen hat.
Dieses Glaubensbekenntnis klingt amüsant, ist aber wohl Unsinn. Wer nicht an Gott glaubt - wie soll der Gottes Hilfe erkennen?
Ich sprach mit einem Freund darüber, und er schickte mir daraufhin eine Ansichtskarte. Sie zeigte eine große Anzahl unterschiedlicher Menschen, und der Bildtitel lautete: Ich glaube an Dich. Doch die Unterschrift hieß nicht „dein Hans" oder „deine Grete", sondern: „Dein Gott". -„Ich glaube an Dich, Dein Gott". Diese Botschaft hat mein religiösen Weltbild zurechtgerückt Bisher stand für mich im Vordergrund: Es kommt darauf an, dass wir Menschen an Gott glauben. Aber die Postkarte dreht die Richtung um, hier spricht Gott, der an die Menschen glaubt. Der so sehr an die Menschen glaubt, dass er ihnen seine Schöpfung anvertraut, ihnen sogar seinen Sohn Jesus schickt und nicht aufhört, in sie zu investieren. Und die Bibel betont, dass Gott nicht an der Menschheit an sich, als Gattung interessiert ist, sondern auf jeden einzelnen setzt und den Glauben an den Menschen nie verliert „Ich glaube an dich, dein Gott".
Jetzt verstehe ich auch den alten Mann im Pflegeheim besser. Er glaubt nicht im gängigen Sinn an Gott, hat keinen Zugang zu religiösen Riten und frommen Texten, fühlt sich keiner Religionsgemeinschaft zugehörig und besucht keinen offiziellen Gottesdienst. Aber so paradox es klingen mag: Auch wenn er nicht an Gott glaubt, fühlt er, dass Gott an ihn glaubt. Es mag wichtig sein, an Gott zu glauben, aber noch wichtiger ist, dass Gott an uns glaubt - trotz und mitten in unserem eigenen Unglauben. Damit wir ähnlich wie der alte Mann sagen können: Der Gott, an den zu glauben mir so schwer fällt, hat mir dennoch immer geholfen.

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