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SWR4 Sonntagsgedanken

Wer den Namen „Titanic" nennt, kann ziemlich sicher sein, dass seine Zuhörer Bescheid wissen: Es handelt sich um den berühmten Luxusdampfer, der in einer Aprilnacht des Jahres 1912 auf der Fahrt von England nach Amerika mit einem Eisberg kollidierte und nach wenigen Stunden versank. Es war eine der größten Schiffskatastrophen, rund 1500 Menschen kamen dabei ums Leben. Zum 100. Gedenken an dieses Ereignis wurde ein Mann kaum  beachtet, über den man im Mai 1912 Folgendes lesen konnte:

Was wir seit mehreren Tagen fürchten mussten, ist heute durch Mitteilung des Amerikanischen Reisebureaus uns zur Gewissheit geworden.
Gott, dem Herrn über Leben und Tod, hat es gefallen, den
Hochwürdigsten Herrn Pater Josef Peruschitz (...)
beim Untergang des Dampfers „Titanic" am 15. April aus der Zeit in die Ewigkeit abzuberufen, in dem 42. Jahre seines Alters (...)   

Unterzeichnet hatten: Abt und Konvent des  Klosters Scheyern in Bayern.
Pater Josef, Priester und Benediktiner-Mönch, war von seinem Orden beauftragt worden, ein katholisches Gymnasium in den USA aufzubauen. Bevor er die „Titanic" bestieg, verbrachte er die Karwoche, in der die Christen des Leidens und Todes Jesu gedenken, in einem englischen Kloster. Wer konnte ahnen, dass er wenig später dem eigenen Tod ins Auge sehen musste!
Durch die Berichte von Überlebenden wissen wir vom Verhalten dieses Mannes und seines englischen Mitbruders, der mit an Bord war.
Die beiden Priester hatten in den ersten Tagen Gottesdienste und auf Wunsch von Passagieren auch Andachten auf dem Schiff gehalten.
Als die Katastrophe ausbrach und in ihrem ganzen Ausmaß sichtbar wurde, setzte Panik ein. Der Pater und sein Kollege halfen sofort Frauen und Kinder auf die wenigen Rettungsboote zu bringen. Wohl aus Respekt vor dem Priesteramt wurde auch ihnen ein Platz angeboten. Doch sie lehnten ab. Während die Wassermassen in das Schiffsinnere strömten, eilten sie von Kabine zu Kabine, um nach Vergessenen zu suchen. Als sich das  Heck der „Titanic"  immer steiler aufrichtete und der sichere Untergang nahe war, sammelte sich eine große Zahl  von Verzweifelten - Katholiken,Protestanten, Juden - . um die beidenGeistlichen.  Überlebende berichteten: Ihr Sterbekreuz fest umklammert,
sprachen (sie) den Passagieren Mut zu (...)
Vom Boot aus sah und hörte man ganz deutlich, wie sie  den Rosenkranz vorbeteten, und wie eine große Anzahl kniender Passagiere (...)  antwortete.(...)  Beide standen immer noch auf dem Oberdeck, als schon das Wasser über dasselbe hereinschlug. (...)
Dann erloschen die elektrischen Lichter der Titanic, so dass man nichts mehr sehen konnte; aber man hörte weder Jammergeschrei noch Schreckensrufe

Opfer bringen - überholt?
In den „Sonntagsgedanken"  möchte ich an zwei Priester erinnern, die beim Untergang der „Titanic" freiwillig an Bord blieben, um den eineinhalb- tausend  Menschen, die nicht mehr gerettet werden konnten, beizustehen und bis in den Tod zu begleiten.
Was befähigt Menschen dazu, ihr eigenes Leben zu opfern?  Niemand weiß, was in den beiden Männern vor sich ging. Sicher ist, dass sie nun Jesus Christus, ihrem Herrn, ganz nahe waren, der gesagt hatte: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe. Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt" (Johannes-Evangelium 15,12-13).
Verständlich, wenn wir vor einem solchen Wort zurückschrecken: Wer von uns könnte diesem hohen Anspruch schon genügen?
Und wie oft  schon wurde die Opferbereitschaft von Menschen missbraucht: von Ideologen und Diktatoren, von Fanatikern und Betrügern!
Und doch: Unser persönliches  und gesellschaftliches Leben lebt ganz wesentlich davon, dass Menschen bereit sind, Opfer zu bringen. Eltern investieren viel Zeit, Geld und Energie, damit ihre Kinder gedeihen. In einer guten Partnerschaft stellt jeder das eigene Ego immer wieder auch zurück - und zwar nicht zähneknirschend, sondern dem Partner „zu Liebe".
Unsere Fähigkeit zur Hingabe, zum Opfer macht uns erst  wirklich zu Menschen: Wir können ungeahnte Kräfte mobilisieren, wenn es um etwas geht, was uns am Herzen liegt, sei es eine berufliche Aufgabe, eine Sache oder ein Mensch.
Die Eltern einer mehrfach Behinderten erzählen von den nun 40 Jahren, in denen sie sich um ihre Tochter kümmern. Vieles ist anders als in sogenannten „normalen" Familien: die Wohnung wurde nach den Bedürfnissen der Tochter eingerichtet, der Tagesrhythmus ist bestimmt von Therapie- und Arztterminen, die Abhängigkeit von Helfern aller Art ist groß. Was mich stark beeindruckte: Diese Eltern ließen keine Spur von Resignation oder Bitterkeit erkennen. Sie haben „Ja" zu diesem Kind gesagt und sehen ihre zahlreichen „Opfer" als etwas Selbstverständliches an. Die behinderte Tochter, ohne sich dessen bewusst zu sein,  „dankt" es ihnen durch sichtliche  Lebensfreude.
Ob uns ein Opfer  ärmer oder reicher macht, das hängt wohl vor allem von unserer Einstellung dazu  ab. Für Christen heißt das Schlüsselwort „Liebe". Eine Liedstrophe sagt es so:

Wenn die Hand, die wir halten, uns selber hält,
und das Kleid, das wir schenken, auch uns bedeckt,
dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut
dann wohnt er schon in unserer Welt.

Lit.: Jens Ostrowski, Berufung Titanic. Die Reise des Benediktinerpaters Joseph Peruschitz. Füssen 2001.

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