Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

„Jetzt warst Du aber sehr tapfer". So konnte man mich reden hören, als meine Kinder noch kleiner waren und beim Zahnarzt nicht geheult hatten. Das ist dann aber schon ziemlich die einzige Situation in der ich das Wort „tapfer" oder „Tapferkeit" verwendet habe. Es klingt heute ebenso angestaubt wie der Begriff der „Tugend". Tapferkeit ist ja eine Tugend, sogar eine der sogenannten „Kardinaltugenden". Und unter dem Staub verbirgt sich oft spannendes, sogar faszinierendes. Es lohnt sich, von der traditionellen Tugendlehre ein wenig den Staub herunter zu pusten.
Der Vierklang von Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß stammt ursprünglich aus der griechischen Philosophie, spielte dann aber in der Geschichte der christlichen Lehre eine sehr wichtige Rolle.
Und die Tapferkeit war dabei auch diejenige Tugend, die die frühen Christen brauchten, um trotz Benachteiligung und Verfolgung zu ihrem Glauben stehen zu können.
Dagegen ist die Situation beim Zahnarzt nichts als ein Kinkerlitzchen, aber sie zeigt: Wenn von Tapferkeit die Rede ist, muss man irgendwo durch, ob man will oder nicht - meistens geht es dabei nicht um fröhliche Anlässe. Jeder von uns wird sich an Situationen erinnern, bei denen es keine Wahl gab, als sich einer schwierigen Herausforderung zu stellen.
Die Tugend der Tapferkeit kann mich daran erinnern, dass es gut ist, mit Zuversicht und Mut in solche Situationen zu gehen. Die Alternative wäre, sich von der Angst besiegen zu lassen, zitternd und jammernd zu erstarren. Das hilft niemandem, obwohl es menschlich und verständlich ist, Angst zu haben.
Wenn ich an die Tugend der Tapferkeit denke, wird mir auch wieder klar, dass ich anderen helfen kann, mit aufrechtem Gang durch Krisen zu gehen. Denn Tapferkeit hat viel damit zu tun, wer hinter einem steht und den Rücken stärkt. Ich kann andere auf schweren Wegen ermutigen, vielleicht auch aufrütteln aus Selbstmitleid und Lähmung.
Als Christ darf ich schließlich darauf bauen, dass ich auch von Gott getragen bin, wenn ich vor schweren Wegen und harten Entscheidungen stehe. Dies ist keine christliche Binsenweisheit, sondern ich habe selbst erlebt, was es heißt, diesen Rückenwind zu spüren und die Kraft geschenkt zu bekommen, die gegen die Verzweiflung ankämpft.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13344