Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Pfingsten liegt ja ein bisschen zurück. Trotzdem denke ich immer noch an Flammen, und zwar an singende Flammen. Und daran, dass es für jeden Menschen wichtig ist, seinen eigenen Ort und seinen eigenen Ton zu finden. Flammen, Klang und Raum - diese eigenartige Verbindung verdanke ich dem Künstler Andreas Oldörp. Er ist dieses Jahr Stadklangkünstler von Bonn.
In den weitläufigen Räumen des Bonner Kunstvereins schaue ich auf drei hohe Glasröhren, in denen kleine Gasflammen brennen. Genauer: Ich schaue nicht nur, ich höre auch. Denn die Glasröhren erzeugen Töne, ähnlich einem tiefen Orgelton. Andreas Oldörp lädt mich ein, durch die Räume zu gehen und zu entdecken, an welchem Platz ich mich wohl fühle oder unwohl. Als ich meinen Ort gefunden habe, stelle ich erstaunt fest: Hier könnte ich stundenlang bleiben. Die Töne schaffen im Raum eine spirituelle Atmosphäre, ich werde ruhig. Der Raum lebt mit den Tönen, und ich lebe in ihm. Andreas Oldörp fragt mich, ob ich Lust auf ein Experiment habe. Ich nicke, und er löscht die Flammen. Die Töne verklingen. Alles ist still. Plötzlich ist der Raum nur noch kahl und kalt. Es ist, als ob er sein Leben ausgehaucht hätte. Als der Stadtklangkünstler die Flammen wieder entzündet, beginnt er wieder zu leben, ja zu atmen. „Singende Flammen" nennt Oldörp seine Installation, und in der Tat: Es ist, als ob die Töne in und mit dem Raum singen.
Später erzählt mir der Künstler, dass er auch in Kirchen arbeitet, manchmal kann das lange dauern, er hat schon in Kirchen Tage verbracht und dort geschlafen, bis er den richtigen Klang fand.
Noch bis Oktober wird der Stadtklangkünstler Andreas Oldörp in Bonn arbeiten, und ich bin gespannt, welche Räume er noch zum Klingen bringen wird.
Als ich später nach Hause komme, sehe ich meine Wohnung mit anderen Augen an. Welche Töne erklingen hier, welcher Klang bringt Leben? Gibt es Tage, an denen die Räume wie tot sind? Oder bewahren die Räume die Stimmen der Menschen, die in ihnen gelebt haben und leben, mit allen harmonischen, aber auch den schiefen und schrägen Tönen? Bringt meine Stimme mein Haus zum Leben? Ich suche nach einem Ton, der zu mir passt und zu meinem Haus. Ich summe und singe, stelle mir vor, dass ich eine singende Flamme bin. Das macht richtig Spaß! Wie interessant und musikalisch wäre es, wenn viele Menschen in ihren Wohnungen nach ihrem Ton suchen würden, summend und singend. Vielleicht, so denke ich, ist das eine Lebens-Aufgabe: den eigenen Ton finden, und die Menschen und Orte, die zu meinem Ton passen. Und vielleicht erklingt in unserem Singen und Summen auch der Ton Gottes.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=13236