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SWR2 Wort zum Tag

„Ich find´s eklig" meint mein Sohn. „Die Leute stehen bei Schlecker Schlange, nur weils da jetzt 50% gibt. Das ist gierig. Am Ende haben sie Duschgel für die nächsten 10 Jahre im Schrank gehortet, nur um ein paar Euro zu sparen. Und keiner denkt dran, wie´s den armen Verkäuferinnen geht." In 2800 Schlecker-Märkten in Deutschland müssen die Mitarbeiterinnen jetzt harte Arbeit leisten. Lange Schlangen bilden sich an den Kassen. Da werden sicher viele Pfennigfuchser dabei sein, aber ich denke auch an die Rentner mit kleinem Geldbeutel, für die es schon eine Rolle spielt, ob sie 50% einsparen können.
„Arbeit soll doch Spaß machen," überrascht mich mein Sohn. „Die Schlecker-Frauen haben jetzt bestimmt keinen Spaß. Die haben gar nichts von ihrer Arbeit. Im Grunde ist das wie eine Henkersmahlzeit." Henkersmahlzeit? Er erläutert mir seine Gedanken: „Schau mal, jetzt haben sie so viel zu tun wie die letzten Jahre nicht, und man hält ihnen zum Schluss noch mal die Arbeit vor die Nase, die sie bald verlieren werden. Das ist gemein!"
Ich habe meine Zweifel, ob die Schlecker-Mitarbeiterinnen jemals Spaß an ihrer Arbeit hatten, denn die Arbeitsbedingungen waren ja bekanntlich nicht rosig. Mein Sohn erinnert mich daran, dass das eigentlich ein Menschenrecht ist: Dass Menschen Arbeit haben, und zwar unter menschenwürdigen Bedingungen. Es ist tatsächlich ein Skandal, wenn Menschen sinnvolle Arbeit verweigert wird. Ich bin beschämt, dass ich mich mit so viel Ungerechtigkeit abfinde. Kein Wunder, dass die Schlecker-Frauen jetzt wütend sind. Und zugleich hoffnungslos.
Viele ethische Fragen werfen die Schlecker-Praktiken auf.
Mein Sohn schaut mich fragend an. Ich überlege, dass Gier in der katholischen Kirchentradition eine Todsünde ist. Steckt Gier nicht auch hinter dieser Insolvenz, die Gier der Leute, die Verantwortung für diese Unternehmenspleite tragen. Weder in die Märkte noch in die Mitarbeiter wurde investiert. Viel zu spät wurde versucht, das Rad herumzudrehen - da war die Konkurrenz schon vorbeigezogen. Hauptsache das Produkt war billig - letztlich ist dieses Konzept nicht aufgegangen, weil die Leute offenbar doch lieber dort einkaufen, wo Atmosphäre und Qualität stimmen. Wenn Menschen nur an ihren Profit denken, dann ist das gierig. Die Gier der Schnäppchenjäger spiegelt letztlich nur die Gier des Schlecker-Managements wider. Und wo Menschen gierig sind, zahlt irgendwer den Preis dafür. Bald verlieren wegen der Schlecker-Insolvenz 25000 Mitarbeiter ihren Job - das ist die Einwohnerzahl einer Kleinstadt!
Gier ist tödlich, das ist nicht nur frommes Geschwätz, das ist bittere Realität, erkenne ich. Es kann nicht Gottes Wille sein, dass Menschen von dieser Todsünde gefangen werden. Das ist wirklich zum Aufregen - mein Kind hat Recht.

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