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SWR4 Abendgedanken

Mutter Teresa. Schon wieder die Vorzeigeheilige. Oder immer noch. Als ich vor über zwanzig Jahren in die Schule gegangen bin, haben uns die Lehrer Mutter Teresa als Vorbild für christliche Nächstenliebe vorgestellt. Wir mussten sie dann mit den Idolen unserer Jugend vergleichen, das war damals Boris Becker. Was sich bis heute geändert hat, ist der Vergleichspunkt: Auf das Sportidol Boris Becker ist die Popikone Michael Jackson gefolgt, später Madonna und immer wieder andere Stars. Die sind nachgewachsen. Aber das Vorbild für christliches Leben ist immer noch dasselbe. Das spricht zum einen für Mutter Teresa. Sie hat radikal ernst gemacht mit dem Christentum. Und dabei ist sie sogar von heftigen Zweifeln und Krisen geplagt gewesen. Also gar nicht so abgehoben, dass ich sie als Vorbild auf so hohe Sockel stellen kann, dass sie unerreichbar für mich ist. 
Aber worüber ich manchmal nachdenke ist, ob es nicht auch aktuelle Beispiele für ein gelungenes christliches Leben gibt, die die dieselbe Zugkraft entwickeln können wie Mutter Teresa. Platt gesagt kommt es mir vor, als ob unsere Zeit keine Heiligen mehr hat. Vielleicht werden die Vorbilder heute nicht mehr so idealisiert und schneller entzaubert. Oder sie leben im Verborgenen und wirken gerade nicht im Scheinwerferlicht der Medien. Vielleicht machen heute aber auch weniger so richtig ernst mit dem Glauben. Auf den ersten Blick denke ich bei Mutter Teresa ja auch, dass ich lieber glücklich sein will, als nur für andere da zu sein. Aber ich kenne ja genügend Beispiele im Kleinen, Momente, in denen ich spüre, dass es mich mehr glücklich macht, jemandem Zeit zu schenken als nur um mich zu kreisen. Für andere da sein und glücklich sein, muss kein Gegensatzpaar sein. Aber wen kann ich meinen Schülern heute als Vorbild vorstellen? Wenn ich so darüber nachdenke, wird mir klar, dass es gar nicht das perfekte Vorbild sein muss, das man zwar vielleicht verehrt oder bewundert, aber nicht nachahmt, weil es zu perfekt und vielleicht sehr extrem ist. Aber es muss doch einen Weg geben, wie ein Mensch wie ich, der auch seine Fehler und Schwächen hat, als Christ leben und Vorbild sein kann. Letzten Endes sehen meine Schüler im der Unterrichtsstunde vor allem mich vor sich stehen und da bringt es nicht viel, wenn ich von der Nächstenliebe der Mutter Teresa rede, aber engherzig mit den Schülern umgehe. Sie sehen mich vorne stehen und sie erkennen meine Schwächen und Stärken meistens schnell. Vielleicht gelingt es mir aber ab und zu, dass ich barmherzig und wohlwollend mit mir und mit ihnen umgehe. Und dass sie daran vielleicht sehen können, dass es sich lohnt, ein Christ zu sein.

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