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SWR2 Wort zum Tag

In der Josephsgeschichte geht es um Neid und Hass, um Schuld und Vergebung. Zugleich ist sie ein Kleinod biblischer Erzählkunst. Es ist eine Geschichte, die sich so ähnlich auch heute unter Geschwistern abspielen könnte. Geschwister, die aufeinander neidisch sind, sich auseinander leben oder sogar verfeindet sind und den Weg der Versöhnung schwer finden.
Joseph ist der Liebling Jakobs, verwöhnt und bevorzugt. Im Traum sieht er, dass sich seine Brüder eines Tages vor ihm verneigen werden. Und er kann seinen Traum nicht für sich behalten. Da machen sich Neid, Zorn und Hass bei den Brüdern breit. Sie wollen Josef loswerden. Bei passender Gelegenheit verkaufen sie ihn als Sklaven nach Ägypten. Dem Vater berichten sie vom angeblichen Tod. Joseph verliert sein Zuhause, seine Freiheit und  erfährt  in der Fremde Unrecht, Gefängnis und Verleumdung. Aber er geht nicht unter. Da er Träume zu deuten weiß, kommt er an den Hof des Pharao und kann durch seine kluge Politik die Ägypter vor einer großen Hungersnot bewahren.
Und die Brüder? Regt sich nicht ihr Gewissen? Wie können sie mit dieser Schuld über all die Jahre leben? Auch wenn die Bibel davon nichts erzählt, kann ich mir gut vorstellen, dass diese Schuld schwer auf ihnen lastet.
Wie kann ich mit Schuld umgehen? Schuld gegenüber dem Partner, dem Freund, dem Anderen? Ich kann sie verdrängen und klein reden. Aber ich kann mich auch zu ihr bekennen. Wer das nicht kann, verspielt das Recht, ein anderer zu werden, das Recht, sich zu bekehren, sagt Dorothee Sölle. Die eigene Schuld zu erkennen, lässt neue Wege gehen und macht Veränderung und Versöhnung erst möglich.
Das erkennen auch die Brüder Josephs. Als sie eine Hungersnot nach Ägypten führt, begegnen sie Joseph wieder. Sie fürchten seine Rache für das ihm angetane Leid. Sie wissen um ihr Unrecht und bitten Joseph: Vergib uns unsere Schuld. Im Hebräischen heißt das wörtlich: Trage unsere Schuld. Das meint, die Schuld des anderen tragen, er-tragen, sie aushalten, ohne mich zu rächen. Schuld bleibt Schuld, aber indem ich die Schuld des anderen trage, ist Vergebung möglich.
Joseph maßt sich nicht an, an Gottes Stelle zu richten. Er sagt: Fürchtet euch nicht! Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen. Joseph hat Gottes Wirken in seiner Lebensgeschichte erkannt. Es ist ihm bewusst, dass er trotz schmerzhafter Erfahrungen von Gott nicht verlassen war.  Mit dieser Sicht kann er vergeben.
Die Geschichte zeigt, dass Versöhnung möglich ist - damals wie heute

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