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SWR4 Abendgedanken

Zu meinen etwas sei selbstverständlich kann gefährlich sein, manchmal gar lebensgefährlich. Einem Freund ist das bewusst geworden: Seit mehr als zehn Jahren fährt er dieselbeStrecke ins Büro. Im Schlaf kennt er sie. An dieser Stelle abbremsen, Blick nach rechts, Blinker links, wieder Gas geben... dann eines Tages - ein großer Knall. Die Vorfahrtsregelung hatte sich an einer Stellegeändert, ohne dass er es mitbekommen hat. Gott sei Dank gab's nur Blechschaden.
Ja, es ist gefährlich, wenn sich Dinge im Alltag so einspielen, dass sie wie selbstverständlich scheinen.
Was heißt denn, etwas ist selbstverständlich?
Wortwörtlich genommen, „etwas versteht sich aus sich selbst" - das ist schon recht philosophisch.
Einfacher ausgedrückt könnte man vielleicht sagen:„Es ist halt so, da gibt es nichts zu erklären". Wenn ich mir dann überlege was für mich alles so selbstverständlich geworden ist, dass ich gar nicht mehr viel darüber nachdenke!
Dass ich mir ein frisches Brot kaufen kann und warmes Wasser aus der Dusche kommt. Dass ich ein schönes zu Hause habe, Menschen mit denen ich reden kann ... Mit so vielem im Alltag rechnetman, man verlässt sich darauf.
Das ist auch gut so, das bringt Ruhe in' sLeben, Ausgeglichenheit.
Besonders auch in derEhe, in der Familie und im Beruf.
Gefährlich wird es dann, wenn ich all die Dinge, die andere erledigen, vielleicht auch für mich erledigen, gar nicht mehr bewusst wahrnehme.
Dann entgeht mir so manches. Und ich komme vielleicht gar nicht darauf, mich zu bedanken. Dabei würde das dem anderen doch sicher auch gut tun.
Dass jemand immer für mich da ist - ist dann scheinbar ganz normal.
Deshalb halte ich es für ganz wichtig hinter Dinge, die mirüber lange Zeit wie selbstverständlich vorgekommen sind, immer mal wieder ein Fragezeichen zu setzen. Damit es mir nicht erst auffällt, dass nichts selbstverständlich ist, wenn es zu einem „Crash" kommt: Zum Beispiel wenn jemand krank wird oder jemand seinen Partner verlässt. Möglicherweise weilin der Beziehung zu vieles nur noch Routine war. Besonders schmerzlich ist es, wenn man einen Menschen nicht wieder sieht, ihm nicht mehr sagen kann, wie besonders es mit ihm gewesen ist, und überhaupt nicht selbstverständlich. So wie ich es einmal in einer Todesanzeige gelesen habe:
„Eigentlich war alles selbstverständlich, dass wir miteinander sprachen, gemeinsam nachdachten, lachten, weinten, stritten und liebten. Eigentlich war alles selbstverständlich, nur das Ende nicht."

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