Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR2 Wort zum Tag

Manchmal stößt man auf Gott, wo man ihn nicht erwartet. In einem Buch zB. Einige Wochen vor Ostern habe ich das Buch eines Autors gelesen, den ich bis dahin nicht kannte. Seither beschäftigt es mich. Vor allem auch wie vehement Günter Franzen darin nach Gott fragt. Ausgelöst hat die Frage der Tod seiner geliebten Frau, vor drei Jahren.
Er hat ihn in eine „Zeit des Zorns" gestürzt. „Zeit des Zorns" ist auch der Titel des Buchs.
Günter Franzen trauert nicht still. Er ist zornig darüber wie der Tod ihre große Liebe beendet hat. In seiner Suche nach Sinn stößt er auch auf Gott. Manchmal hatte ich beim Lesen das Gefühl. Er prallt auf Gott.
Zum einen hadert er mit ihm. Protestiert dagegen, was ihm widerfahren ist. Und zum anderen ruft er um Trost nach dem Gott seiner Kindheit, an den er sich anlehnen kann.
Und er sehnt sich nach Auferstehung, die der Liebe eine Perspektive gibt über den Tod eines Partners hinaus.
Dabei schien Gott aus Günter Franzens Leben bereits für immer verschwunden. Verblasst. Er ist sich klar, dass er selbst Gott hat in Vergessenheit geraten lassen. Er hat ihm keinen Platz mehr gegeben im Leben. Aber durch das was Günter Franzen erlebt, taucht er aus der Verdrängung auf. In einem Schrei nach Leben.
Ich habe mich nach dem Lesen oft gefragt: Darf man seinen Zorn so auf Gott richten? Kann man im Namen Gottes gegen den Tod protestieren? Hat das Sinn? Müssen wir nicht akzeptieren, dass wir endlich sind? Wie auch immer sich das vollziehen mag.
Aber dann hab ich mich an ein Wort des Dichterpfarrers Kurt Marti erinnert. Er hat einmal geschrieben: „Christen sind Protestleute gegen den Tod." Diese Überzeugung gründet bei Kurt Marti im Glauben an die Auferstehung. Ich verstehe ihn so: Er macht sensibel dafür, wie viele Menschen immer noch zu früh sterben müssen oder unter Umständen, dass man es nicht stillschweigend hinnehmen darf. Oft sollte der Protest sich an Menschen richten: Wenn Armut oder Krieg die Ursachen sind.
Aber bei schweren Krankheiten? Sollte man seinen Schmerz und seinen Protest dann nicht auch vor Gott ausdrücken dürfen?
Die Bibel erzählt von Hiob, dem das Leben Unrecht getan hat: Er leidet nicht stumm, er wendet sich an Gott. Er drückt sich nicht moderat aus. Seine verwundete Seele wird laut.
„Christen sind Protestleute gegen den Tod." Ich verstehe dieses Wort von Kurt Marti auch so: Wir können als Menschen vor Gott ausdrücken, was uns quält. Wie Günter Franzen. Und ich hoffe, dass Zorn und Schmerz wieder verwandelt werden in neue Lebenszuversicht.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=12903