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SWR2 Wort zum Tag

Wann sind Sie zuletzt in einem Buch eines modernen Autors auf Gott gestoßen? Mir kam es so vor, dass moderne Bücher keine Orte mehr sind, in denen Gott einen Platz hat.
Eher hatte ich das Gefühl, ich muss als Leser zwischen den Zeilen nach Gott fragen. Als ob Gott nur noch zwischen den Buchstaben - verborgen - anwesend sein kann.
In Martin Walsers Buch „Rechtfertigung" ist das anders. Da ist „Gott" zurück im Geschriebenen. Nicht dass Walser Gott beschreiben wollte oder könnte. Er fragt nach Gott in ähnlicher Haltung wie ein Philosoph, den er zitiert: „Ich glaube nicht an Gott, aber ich vermisse ihn." Walser drückt aus, dass Grundlegendes fehlt, wenn ein Schriftsteller nicht einmal mehr nach Gott fragt, wenn schon das Wort verschwunden ist. Dass Gott verschwindet, ist für Walser kein Grund zu „aufgeklärter" Zufriedenheit, sondern ein Mangel. Er vermisst ihn.
Vor allem auch im Interesse der Menschen.
Denn wenn Gott verschwindet und -sei es als Frage- hat das Folgen dafür, wie Menschen sich verstehen. Wer wir sind.
Eigentlich kann das ja nicht anders sein. Dass ich an Gott glaube, das bestimmt mein Selbstverständnis. Ich erkenne mich persönlich und Menschen überhaupt in Beziehung zu ihm.
Ich bin ein Beziehungswesen: Ein Geschöpf, das sich Gott verdankt.
Ich bin verantwortlich vor Gott. Von Gott geliebt, obwohl ich mich verfehle und in die Irre gehe. Wenn Gott als Beziehungsgegenüber verschwindet, verändert sich das menschliche Selbstverständnis radikal.
Walser beobachtet diese Veränderung ungefähr so:
„Gerechtfertigt zu sein, das war einmal das Wichtigste."
Aber Rechtfertigung kann man sich nicht selbst zusprechen. Wenn Menschen also Gott nicht mehr als Gegenüber haben, dann verlieren sie die Rechtfertigung als Fundament ihres Lebens. In den großen Romanen von Kafka wird das beängstigend spürbar, erinnert Walser.
Aber niemand kann ohne Fundament leben. Darum - so Walser - schafft man sich Ersatz. An die Stelle der Rechtfertigung ist für die meisten das Rechthaben getreten. Man schafft sich selbst den Eindruck ‚ich habe Recht', oder ‚ich bin moralisch der bessere Mensch'. „Wir leben im Reizklima des Rechthabenmüssens" schreibt Walser. Und empfindet auch das als Mangel. Neben dem Mangel an Gott.
Was kann dem Mangel abhelfen? Den Glauben an Gott, der einen rechtfertigt, kann man sich ja nicht verordnen.
Aber etwas anderes kann man: Sich sehnen nach Gott, wenn er abwesend ist, wie Walser das anscheinend tut. Er zitiert Luther: „Eine Sehnsucht, wenn sie nur groß ist, schmeckt schon nach Erfüllung."

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