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SWR2 Wort zum Tag

„Hilf dir selbst - so hilft dir Gott!"
Das ist eine klare Aufforderung:
Leg die Hände nicht in den Schoß!
Warte nicht auf Andere - werde selber aktiv!
Drück dich nicht darum, ergreife die Initiative!
Denn: Hilf dir selbst - so hilft dir Gott!
Das ist eine Lebensweisheit, die quer durch alle Zeiten immer wieder laut wird - von Cicero bis Schiller: "Dem Mutigen hilft Gott." - Wilhelm Tell.
Sie klingt in abgewandelter Form auch Jesus in den Ohren - auf Golgatha.
Die dort an sein Kreuz treten, und einiges dafür getan haben, dass er dort unsäglich leiden muss, die sagen ihm ins Gesicht: „Anderen hat er geholfen, er helfe sich selber, wenn er der auserwählte Christus ... ist." (Lk 23,35)
Hier spüre ich, wie schrecklich diese Weisheit sein kann: „Hilf dir selbst, so hilft dir Gott!" - das ist im Angesicht eines Leidenden blanker Zynismus.
Hohn und Spott und Schadenfreude schwingen hier noch mit: „Zeig doch: Wer so für Andere da sein kann, der muss doch auch für sich selber sorgen können."
Hilf dir selbst! Ich erschrecke zusehends vor dieser Maxime.
Denn ich spüre: Im Grunde steckt dieser Anspruch auch tief in mir: „Egal, wie schwer du tragen musst. Irgendwie selber durchkommen. Ja nicht Andere um Hilfe bitten. Wie sehr müsste ich mich schämen, wenn ich von der Hilfe Anderer leben muss!"
Das jedenfalls wird ausgesprochen oder unausgesprochen denen vorgehalten, die von Sozialhilfe leben - die jetzt Arbeitslosengeld II heißt - und die wir politisch korrekt „Transferleistung" nennen.
Der Spott, der Jesus trifft, ist noch eine Umdrehung gemeiner. Seine Liebe zu Anderen - sein Trösten und sein Heilen - wird ihm in seiner Ohnmacht vorwurfsvoll vorgehalten:
„Wenn du Anderen helfen kannst - wenn du meinst das tun zu müssen - dann bitte sehr, beweise jetzt deine Kraft doch erst einmal an dir selber - zumal du doch der Christus bist - also mit Gott im Bund."
Heißt im Klartext: Wer Kraft hat für Andere, der braucht keine Unterstützung für sich. Ich denke, exakt so wird das Band der Liebe, der gegenseitigen Zuwendung und Sympathie zerschnitten.
In dem, was die Einflussreichen Jesus am Kreuz vorhalten - wird mir klar: Wie zynisch und wie abtötend kann ein Appell an die eigenen Kräfte sein.
Anderen helfen und von Anderen Hilfe bekommen - das wäre es - ein Leben aus dem Geist Jesu.
Ich werde das Sprichwort abwandeln und in Zukunft sagen:
„Helft einander - so hilft euch Gott."

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