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SWR4 Abendgedanken

Heute ist der Tag nach Palmsonntag, die Karwoche nimmt ihren Lauf. Für mich ist das wie der Endspurt vor Ostern. Zur Zeit Jesu war es bestimmt ähnlich: Jesus ist jetzt in Jerusalem angekommen, hohe Erwartungen werden an ihn gestellt. Er soll das jüdische Volk anführen gegen die Römer, er wird als der sehnlichst erwartete Messias gehandelt. Die Stimmung heizt sich auf - und die Oberen merken das. Auch für sie beginnt so etwas wie ein Endspurt - werden Sie diesen unbequemen Propheten kontrollieren können, oder zettelt er etwa einen Aufruhr an? Jesus geht verdächtig anders mit den Menschen um - vor allem mit den Ausgestoßenen und Schwachen. Er setzt sich über Vorschriften hinweg und stellt sie auf den Kopf, zum Beispiel am Sabbat. Es ist abzusehen, dass sich die Lage zuspitzen wird.
Die Einen erwarten Großes von Jesus, andere befürchten etwas von ihm. Vor Ostern ist alles in der Schwebe. Als Jesus keinen Aufstand gegen die Römer anzettelt, sind Manche regelrecht enttäuscht. Judas zum Beispiel, einer aus dem engsten Kreis um Jesus. Er verrät Jesus für 30 Silberlinge (nicht gerade viel) an die religiösen Autoritäten, und Jesus wird verhaftet. Judas ging es nicht ums Geld, sein Verrat war sicher angetrieben von enttäuschten Erwartungen. Vielleicht wollte er Jesus zum Handeln zwingen und hat ihm sozusagen die Pistole auf die Brust gesetzt. Aus einem Freund ist ein Feind geworden. Ostern ist in diesem Sinne nicht nur das Fest der Auferstehung, es hat auch viel mit enttäuschten Erwartungen zu tun - sonst wäre Jesus nicht ans Kreuz geschlagen worden.
Ich erwarte manchmal auch irgendetwas - von meinem Mann oder meiner Freundin. Und wenn es dann nicht so kommt, dann denke ich: „Der muss das doch wissen" oder „die muss das doch merken". Erst werde ich ungeduldig und dann bin ich genervt, aber ich versuche trotzdem, mir klar zu machen, ob mein Mann oder meine Freundin meine Erwartungen überhaupt erfüllen können. Vielleicht wissen sie gar nichts davon. Ich habe festgestellt, dass ich meine Erwartungen oft gar nicht ausspreche. Wenn ich es tue, ernte ich Erstaunen und vieles klärt sich. Ich bin dann regelrecht erleichtert, dass das Unausgesprochene nicht mehr zwischen uns steht. Ich wünsche mir die richtigen Worte im richtigen Moment. Gerade jetzt, in dieser Zeit der Feiertage.

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