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SWR4 Abendgedanken

Als Student war ich für fünf Monate im Gefängnis. Nicht wie sie jetzt vielleicht denken. Ich habe dort ein Praktikum gemacht - beim Gefängnisseelsorger. Das Gefängnis steht in Freiburg, mitten in der Stadt. Eine eigene kleine Welt für sich. Rund siebenhundert Männer sitzen dort ein. Was mir zuerst auffiel: die vielen verschlossenen Türen. Alle paar Meter braucht man einen Schlüssel. Ohne Schlüssel habe ich mich auch als Praktikant ziemlich gefangen gefühlt. Als nächstes fiel mir der besondere Geruch auf. Denn im Gefängnis leben und arbeiten alle auf engstem Raum. Im Gefängnis riecht es nicht gerade nach Freiheit. Durch die kleinen, vergitterten Fenster kommt kaum frische Luft.
Ich habe dort mit vielen Menschen über ihr Leben gesprochen. Auch darüber, warum sie verurteilt wurden. Zum Beispiel erzählte mir ein junger Mann von seinem Streit vor einer Disco. Er zog ein Messer - schon war es passiert. Er meinte, es war Notwehr. Außerdem hatte er Drogen genommen. Der Richter würde schon einsehen, dass er unschuldig sei. Ich war da nicht so sicher. Schließlich war es bereits sein zweiter Mordprozess.
Ich kann es nachvollziehen, wenn jemand seine Schuld nicht einsehen will. Das scheint ihm einen Rest Hoffnung zu geben. Die Hoffnung, irgendwann einmal zur Welt da draußen zu gehören. Kein „Knasti", sondern ein normaler Bürger zu sein. Ins Gefängnis zu wandern, davon hat keiner der Insassen geträumt. Sehr viele schämen sich, dort gelandet zu sein. Sie brechen den Kontakt zu Freunden und zur Familie ab, weil sie lieber als verschwunden gelten. Sie haben das Gefühl ausgeschlossen zu sein - im wahrsten Sinne des Wortes.
Viele sind dankbar, wenn sie jemand besucht. Jemand wie der Seelsorger. Ihn schickt nicht das Gefängnis, sondern die Kirche. Er steht für ein Stück „normale Welt". Männer, die ein Verbrechen begangen haben, kommen hier zur Bibelstunde. Auch die Gottesdienste sind gut besucht. Das hat mich zuerst gewundert. Aber dann habe ich gemerkt: Hier können die Gefangenen Abstand gewinnen. Abstand zum Alltag, zu den Sorgen. Hier sind sie nicht Gefangene, sondern Gottesdienstbesucher. Für  sie ist es oft besonders schwer zu glauben, dass Gott sie liebt. Trotz ihrer Fehler, trotz ihrer Schuld. Ich bin überzeugt: Gott sieht vor allem auf das Gute im Menschen, sei es noch so verborgen. Im Praktikum habe ich gesehen: Es ist gut, wenn jemand da ist, der den Gefangenen diese Hoffnung gibt. Und ich finde, der Knast darf nicht völlig von der normalen Welt getrennt werden. Denn dort leben Menschen - Menschen, die von einem anderen Leben träumen.

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