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SWR2 Wort zum Tag

Heute ist Weltgebetstag der Frauen. Auf der ganzen Welt feiern Frauen aus allen Konfessionen den gleichen Gottesdienst. In diesem Jahr haben Frauen aus Malaysia den Gottesdienst vorbereitet.  Sie haben sich eine Witwe ausgesucht, von der Jesus im Lukasevangelium erzählt: Die Witwe kommt zu einem Richter, der Gott nicht fürchtet und auch auf keinen Menschen Rücksicht nimmt. Doch sie kommt immer wieder und fordert: „Verschaff mir Recht gegen meinen Feind!" Dem Richter ist die Frau und ihr Recht egal. Auch Gott gegenüber fühlt er sich nicht verpflichtet. Trotzdem sagt sich der Richter: „Ich will dieser Witwe zu ihrem Recht verhelfen, denn sie lässt mich nicht in Ruhe. Sonst kommt sie am Ende noch und schlägt mir ins Gesicht." Er hat also Angst, er befürchtet, dass diese nervige Frau noch weiter geht, dass sie rabiat wird.
Ich vermute, die Frauen in Malaysia kennen das: ungerechte Situationen, die dadurch, dass nichts getan wird, nur noch ungerechter werden. Und Veränderungen, die nicht geschehen, damit es endlich gerechter zugeht, sondern vor allem, damit Ruhe herrscht. Bis dahin könnte das Gleichnis Jesu schon dazu motivieren, in ungerechten Situationen möglichst viel Krach zu schlagen, möglichst lästig zu werden, damit sich doch noch etwas ändert.
Aber dann wäre es kein Gleichnis. Jesus entwirft noch ein Gegenbild zu diesem Richter: „Sollte Gott seinen Auserwählten, die Tag und Nacht zu ihm schreien, nicht zu ihrem Recht verhelfen, sondern zögern? Ich sage euch: Er wird ihnen unverzüglich ihr Recht verschaffen." Jesus möchte seine Zuhörer zum Beten animieren. Und Gott wird hören, verspricht er, und schnell reagieren, nicht weil er von uns genervt ist, sondern weil ihm etwas an uns liegt.
Kommt mir ein bisschen zu einfach vor, habe ich auch noch nicht so oft erlebt. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich selten Tag und Nacht zu ihm schreie. Oft ist es mit meinen Gebeten so, dass ich einmal kurz eine Bitte formuliere und dann in meinem Alltagsgeschäft weiter mache und versuche, die Dinge selber zu lösen. Und oft kann ich Probleme lösen, ohne dass ich dann auf die Idee käme, Gott könnte etwas damit zu tun haben. Dabei weiß ich inzwischen, dass es mir nicht gut tut, mich für alles allein verantwortlich zu fühlen. Im Gegenteil, manchmal ist es besser, wenn ich Probleme anderen überlasse, und Gott ist dafür keine schlechte Adresse. Allein für mich gelesen, erzählt mir die Geschichte: Die Witwe kann vom Richter eigentlich nichts erwarten und bekommt doch Recht. Ich kann von Gott etwas erwarten, ich müsste mich nur trauen und vor allem: Gott etwas zu-trauen.

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